Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ii6 Samuel Rappapört: Diesen elf Versen soll überhaupt die Kraft innewohnen, jeden, der sie täglich morgens sagt, den ganzen Tag über vor Zauber und bösen Blick zu schützen, Sie befinden sich in den meisten ausführlichen Gebetbüchern — so z. B. auch im Siddur „Derech ha-chajim" von R. Jakob Lissa, Ausgabe Wilna, 1814, hinter den Psalmen in den „Maamadot" für Sonntag, Seite 100 — und werden von Vielen, die den ganzen Tag über gegen Zauber und bösen Blick gefeit sein wollen, mit Hinzufügung des folgenden Gebetes täglich nach der Morgenandacht gesagt. Das kurze Gebet lautet: „Herr der Welt! Rette Dein Volk, das Haus Israel, von jeder Art Zauber und von jeglichem bösem Auge und ebenso wie Du beschützt hast unsere Ahnen in der Wüste, daß das böse Auge Bileams über sie keine Gewalt hatte, ebenso behüte uns in Deinem großen Erbarmen, daß wir geschützt werden durch die Hülle und die Führung Deiner heiligen Namen vor jedem bösen Auge". Während die obigen Formeln und Sprüche zu allermeist nur hebräisch und deswegen fast nur von Männern gesagt werden, wird der folgende Text zumeist nur jiddisch und demzufolge in erster Reihe von Frauen beim „Absprechen" eines bösen Auges in Anwendung gebracht. Diese Spruchformel befindet sich in vielen im Osten herausgegebenen, für Frauen bestimmten, in jiddischer Sprache abgefaßten Gebetsammlungen, den sog. „Tchinnot" und lautet: „Mit der Hilfe des allmächtigen Gottes, der alle Krankheien heilt, soll von dir genommen werden alles Weh und Krankheit und alles Ungemach, das dir begegnet, sei es von einer bösen Luft, die über dich geschickt worden ist, oder von einem bösen Blick eines menschlichen Auges, von einem Mann oder von einer Frau, vom Alter oder von der Jugend. Es soll dir alles keinen Schaden bringen, weder deinem Leib noch deinem Leben, nicht deinem Herzen noch deiner Lunge; denn Eliahu ha-nabi (der Prophet Eliahu) ist dem Engel »Aschtribu" (böser Dämon, der den Menschen nachstellt und ihnen am Leben und Gesundheit Schaden zuzufügen sucht) begegnet und fragte ihn, wohin sein Weg ihn führe. Ich bin auf dem Wege — erwiderte dieser — zu X Sohn (Tochter) des Y (Name des vom bösen Auge Getroffenen und seiner Mutter) und will an seinem Haupte und in seinen Adern wie in allen seinen Gliedern sitzen, ich will sein Fleisch essen und sein Blut trinken. Darauf sagte ihm Eliahu: Ebenso wie es nicht gegeben ist, alles Wasser vom Meer wegzutrinken, soll es dir nicht gegeben sein, ihm (dem Erkrankten) Böses zuzufügen, weder seinem Leibe noch seinen Gliedern. Wenn er durch jemand in der ganzen Welt vom bösen Blick getroffen worden ist, soll er dadurch keinen Schaden nehmen, weder bei Nacht noch am Tage. (Zum Erkrankten gewendet:) Ebenso wie über die Kinder von Josef ha-Zaddik (der Gerechte: Josef wird im jüdischen Schrifttum wegen seiner Keuschheit „der Gerechte" genannt) böse Augen keine Macht hatten, ebenso sollst auch du vor Schaden bewahrt werden, und so schnell wie man bis neun zählen kann, so schnell soll dich Sein Name gelobt sei Er heilen und zu dieser Stunde sollst du frisch und gesund sein im Namen Gottes. Amen Selah".