Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
115 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106469--4875-3106533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 115 allermeist jiddisch; sie enthalten zwar nicht immer oder bloß einige kabbalistische, Zeichen und Engelsnamen, aber stets von der Kabbala empfohlene, manchmal sogar hebräisch gesprochene Bibelverse sowie Spezialtexte, die oft denen der Männer gleichen, mit dem Unterschied jedoch, daß sie, aus dem Hebräischen übersetzt, von den Frauen in jiddischer Sprache gesagt werden. Als typisches Beispiel eines der populärsten und viel im Gebrauche stehender Spruchtexte, der in den meisten Segullabüchern als gegen die Wirkung eines bösen Auges besonders wirksam empfohlen wird, kann folgendes gelten: „Drei Weiber stehen auf einem Felsenvorsprung. Eine sagt, er (bezw. ».sie", wenn die erkrankte Person weiblichen Geschlechtes ist) sei krank, und die andere sagt, er (sie) sei nicht krank, und auch die dritte sagt, er (sie) sei nicht krank nnd gar keine weitere Schwäche werde folgen. Hat dir ein Mann Böses zugefügt, möge ihm Kopf- und Barthaar ausfallen, hat dir jedoch ein Weib Böses zugefügt, mögen ihr Zähne und Brüste abfallen. Ebenso wie das Wasser keine feste Bahn hat und Ameisen keine Nieren haben, ebenso möge über Sohn (Tochter) der Y. (Name des Kranken und seiner Mutter) weder Schaden noch Böses noch Krankheit kommen. Es möge über ihn (sie) weder etwas Schlechtes noch ein böses Auge Gewalt haben, da er (sie) vom Samen Josefs stammt, über den ein böses Auge keine Gewalt hat, wie geschrieben steht: ein fruchtbarer Sohn ist Josef u. s. w.tf (Tr. Brachot 20 A. Genesis 49. 22); hierauf folgen die Bibelverse: Numerus 21/17—19. Beim letzten Verse: „und von der Höhe ins Tal" soll man, in unmittelbarem Zusammenhange mit obigem Spruchtext, an die oben erwähnten drei Frauen denken und zum Schluß sagen: „und ebenso wie König Chiskiahu von seiner Krankheit geheilt wurde, ebenso soll X Sohn (Tochter) der Y. geheilt werden im Namen des AGLA Amen. Selah" Der Name „AGLA" besteht aus den Anfangsbuchstaben des im Achtzehngebete (Tfilat schmone essre) vorkommenden Satzes: „Attah gibbor leolam Adonaj" (Herr! Du bist der mächtige in Ewigkeit). Die neuere praktische Kabbala bedient sich des öfteren des Namens AGLA bei Beschwörungsformeln und sonstigen kabbalistischen Handlungen. Die in obigem Beschwörungsspruch erwähnten zaubernden Frauen sowie die gegen bösen Zauber ausgestoßenen Flüche werden, in allerdings anderem Zusammenhange, bereits im Talmud erwähnt (Tr. Pessachim 110 A. 111 A). Zum wirksamen „Absprechen" eines bösen Blickes werden von vielen auch die folgenden, von kabbalistischer Seite empfohlenen elf Bibelverse gesagt, da diese schon durch ihren Inhalt und noch mehr durch die ihnen gemeinsame Eigentümlichkeit, — sie beginnen nähmlich mit einem N und schließen auch mit einem N (der Buchstabe N ist eines der fünt Buchstaben M, N, Z, P, K, denen schon in Talmud und Midrasch ,und ganz vorzüglich in der Kabbala eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird — den schädlichen dämonischen Einfluß des bösen Auges zu bannen vermögen. Es sind dies die folgenden Verse: Levitikus 13, 9, Numerus 32, 12, Deuteronomium 18, 5, Psalmen 46, 15, ebenda 78, 12, ebenda 77, 21, Proverbia 7,17, ebenda 20 1, 27 Canticum 4, 11, Jeremias 50, 8, Chronik I 12, 2.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.