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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
114 (sequence 6)
Language
German
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114 Samuel Rappaport: Stellt sich beim vom Unwohlsein Befallenen ein Gähnen ein, dann glaubt man hierin mit Bestimmtheit eine Folgewirkung eines bösen Blicks zu sehen. Sooft der Erkrankte den Mund auftut, wird er von den Anwesenden aus der Ferne dreimal leicht angespieen. Das Anspeien gilt seit altersher — in Verbindung mit andern Bräuchen — als gutes Mittel gegen verschiedene Krankheiten (Tr. Synhedrin 101 A. Tr. Schebuot 15 B. Midrasch Rabba, Wajikra Abschnitt 9). Mißgunst und Neid sind die unmittelbaren Ursachen des bösen Blicks. Schaut ein mit der Eigenschaft und Macht des bösen Blicks Behafteter einen Menschen übelwollend oder neidisch an, dann wird dieser vom bösen Blicke „ibergenimmen" d. h. er unterliegt bald dessen verderblichem Einfluß. Durch das dreimalige Anspeien des vom bösen Blick betroffenen oder bedrohten Wesens soll dieses sozusagen im Werte herabgedrückt, somit kein Gegenstand des Neides oder des Uebelwollens mehr sein, und dadurch dem bösen Blick die Spitze genommen werden. Das Anspeien wird nicht nur bei Personen sondern auch bei Tieren un'd allen beweglichen wie unbeglichen Objekten — wie z. B. Getreidefeldern — neben der sog. „Feige"*) geübt. Bei Ansicht z. B. eines gut gehenden Geschäftes, eines üppig gedeihenden Gartens oder Feldes, schönen Viehs u. dgl. werden die Objekte nicht nur vom Eigentümer sondern auch von wohlwollenden Fremden zur Hintanhaltung eines etwaigen bösen Blicks dreimal angespieen. Manche meinen ihre Zahnschmerzen bekommen oder sogar ihre Zähne dadurch verloren zu haben, weil jemand, der mit der Eigenschaft des bösen Blicks behaftet ist, ihre Zähne, während sie ihren Mund aufgetan haben, mit Neid betrachtet hatte. Schon deswegen wird auch jeder und ganz besonders Kinder und jüngere Menschen, wenn sie beim Gähnen ihren Mund auftun, von den Anwesenden dreimal leicht angespieen. Sobald der Zustand des Erkrankten als Ursache einen bösen Blick vermuten läßt, wird bei der Volksmasse nach jemand gesucht, der. einen bösen Blick "^absprechen" kann. In den meisten Städten gibt es manche kabbalistisch gebildete Männer, die sich auf das Absprechen verstehen, die es aber nur sehr ungern und nur bei Freunden und Verwandten üben. Zumeist besorgen es ältere, sehr fromme Frauen, die ihre Spruchformeln von anderen kundigen Frauen übernommen haben und die mitunter, wenn unbemittelt, dafür eine kleine Entlohnung erhalten. In vielen Familien gibt es so ein altes „wojlkenniwdiges" (vielwissendes), frommes Großmütterchen, das in weitem Verwandtenkreise das „Absprechen" im Bedarfsfalle freudig vornimmt. Die Zahl der beim „Absprechen" angewandten Spruchformeln ist groß. D:e von den Männern gebrauchten sind stets hebräisch und enthalten neben verschiedenen, von der Kabbala und Segullabüchern empfohlenen Bibelversen auch kabbalistische Zeichen und Engelsnamen sowie ad hoc verfaßte Spezialtexte. Die von den Frauen benutzten Spruchformeln sind zu *) ebenda, Seite 229.

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