Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 113 einziger eines natürlichen Todes sterben, während neunundneunzig an den Folgen des bösen Blicks zugrunde gehen (Tr. Baba Meziah 107 B). Im Judentum hat der Glaube an die schädliche Wirkung des bösen Blicks im Laufe der Jahrhunderte nicht nur nicht abgenommen sondern sogar unter dem Einfluß der nichtjüdischen Völker, unter denen er verbreitet war, sowie mit Unterstützung der praktischen Kabbala immer mehr Anhang gewonnen. Die vielen Refuot- und Segullotbücher sind voll verschiedenartiger Bräuche, Beschwörungsformeln, Elixiere u. dgl. zur Hintanhaltung und Bekämpfung der Wirkungen des bösen Blicks. Unter den für Montag und Donnerstag bestimmten Gebeten des römischen Ritus befindet sich, sowohl in den alten wie neueren Ausgaben der betreffenden Gebetbücher unter anderem auch die Bitte: „Daß Du den bösen Blick von uns abwendest" (tkhaleh mimenu ajin hara). (Machsor Romi, Ausgabe Bologna 1541 Bd. I Bogen 3 Blatt 3 Seite 2. Machsor Italiani Ed. Luzzatti, Livorno 1861 Blatt 20 B.) Bekanntlich enthält die Einleitung zum täglichen Morgengebet die dem Talmud (Tr. Berachot 16 B.) entnommene Bitte um Schutz gegen mehrere, namentlich aufgezählte, böse Dinge. Der sephardische Ritus hat zu diesen Dingen, außer mehreren anderen, auch das böse Auge hinzugefügt. Im Gebetrituale der Chassidim, dem sog. „nussach spharad", die ihren Ritus zum großen Teil von den Sephardim übernommen haben, ist demgemäß in der Einleitung zum täglichen Morgengebet auch die Bitte um Schutz gegen ein böses Auge enthalten. Im Osten ist unter den Juden der Glaube an die verderbenbringende Macht des bösen Blicks noch sehr verbreitet und zahlreiche und verschiedenartige Bräuche älteren und jüngeren Datums gegen ihn sind noch immer in Uebung. Tritt bei jemand im Osten plötzlich ein Unwohlsein ein, dann wird es bei den breiten jüdischen Massen in erster Linie auf die Wirkung eines „ajin hara" d. h. eines bösen Blickes zurückgeführt. In manchen Gegenden bezeichnet man ein solches Unwohlsein als „Benemmenisch". Man sagt hier: der Erkrankte sei „ibergenimmen" (übernommen) worden. Unter dem Ausdruck „Ibernemmenisch" bezw. unter dem Verbum „ibergenimmen" wird hier ein dämonischer Einfluß verstanden, wie man überhaupt in der unheimlichen Wirkung des bösen Blicks das Werk geheimnisvoller, dämonischer Kräfte sieht, denen man nur mit Hilfe gleichfalls geheimnisvoller aber heiliger Mittel wirksam entgegentreten könne. Die ^Tumah" d. h. das Unreine könne nur durch die „Keduschah" d. h. die Heiligkeit besiegt werden. Lilith, der böse Dämon, der neugeborenen jüdischen Kindern nachstellt und sie ihren Müttern rauben, mitunter durch unterschobene Teufelskinder ersetzen will, wird in den Segullotbüchern wie auch heute noch im Osten — ebenso im früheren böhmischen Ghetto — „die Benemmerin" genannt. Auch ihre Macht wird durch fromme Segullot erfolgreich bekämpft*). *) ebenda, Seite 267.