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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 112

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
112 (sequence 4)
Language
German
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112 Samuel Rappaport: bezeugen, sowohl während des Mittelalters (so z. B. Sefer Chassidim No. 467) als auch bis in die neuere Zeit beim Volke geübt. Während einerseits die der Mystik abholden Talmudgelehrten alle geheimen Heilmittel als verbotenen Zauber verpönten — MHRIL hatte sogar die Anwendung der im Talmud empfohlenen Geheimmittel und Besprechungen von Krankheiten verboten, da uns deren Wesen unbekannt sei und im Fall des Mißlingens die geheiligte Autorität des Talmud herabgesetzt werden könnte (Sefer Mahril, Likkutim Seite 86) — war es vorzüglich die mit allerhand mystischen Mitein operierende praktische Kabbala, die sog. „Kabbala maassit", die jenen geheimen Heilmitteln und Beschwörungen bezw. Besprechungen von Krankheiten mit kabbalistischen Zeichen, Buchstabenkombinationen, Engelsnamen und allerhand Sprüchen kräftigen Vorschub geleistet hat. Mit der Ueberhandnahme der Kabbala gewann auch das von den Talmudgelehrten stark eingeengte Gebiet der mit Geheimmitteln arbeitenden Segullot im Volke immer mehr Raum. So manche aus der Rüstkammer des heidnischen Altertums geholten Geheimmittel erhielten nun, wie schon erwähnt, im Laufe der Zeit durch Abstreifung der spezifisch heidnischen Merkmale wie durch Einkleidung in ein jüdisch-kabbalistisches Gewand den Charakter des Kabbalistisch-Heiligen. Während das Besprechen, das sog. „Absprechen" von Krankheiten im allgemeinen in den letzten Jahrzehnten nur noch selten und dies bloß von manchen Zaddikim oder von älteren kabbalistisch gebildeten Leuten, die sich auf derlei Dinge verstehen, oder gar von heute nur mehr sporadisch vorhandenen Frauen, die des „Absprechens" kundig sind, im Osten im Gebrauche ist, wird das „Absprechen" als Mittel gegen die schädliche Wirkung eines sog. „bösen Blicks" hier bis heute noch sehr viel geübt. Der Glaube an die schädliche Wirkung eines bösen Blickes hebr. „ajin hara"*), oder wie es im talmudisch Aramäischen heißt „ajna bischa", ist, wahrscheinlich erst in der letzten Epoche des zweiten Tempels, von den die Juden umgebenden alten Völkern ins Judentum gekommen und hat hier Verbreitung und allgemeine Anerkennung gefunden. Die Bibel kennt den bösen Blick und seinen schädlichen Einfluß überhaupt nicht. Im Talmud ist er schon längst bekannt und es wurden sogar, trotzdem er von manchen Weisen als nichtig und heidnisch bekämpft wurde, Beschwörungsformeln gegen dessen Wirkung empfohlen (Tr. Brachot 54 B)**). Sollen doch nach der Ansicht Rabs (drittes Jahrhundert) von hundert Menschen bloß ein *) Aus dem biblischen „Ra ajin** (Proverbiä 28.22) d. h. jemand der mißgünstig und neidisch auf das Glück anderer schaut, ist später durch Umstellung der Worte das „ajin hara** d. i. das mißgönnende und neidisch schauende „böse Auge* bezw. „Böser Blick** entstanden. (Siehe Dr. Michael Sachs: Beiträge zur Sprach- und Altertumsforschung. Heft II Seite 118). **) Siehe meinen Aufsatz: „Geburt**. Der Jude IV. Jahrgang Seite 227 u. 229.

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