Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
111 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106469--4871-3106529
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 111 Streit die meisten Rabbiner Deutschlands und Polens in seinen Kreis zog und sie in zwei feindliche Lager teilte. Der Chassidismus bezw. die Zaddikim waren es, die der Kmie als Glückstalisman wie als Schutz und Abwehrmittel gegen bösen Blick, Unbill und Krankheit unter den breiten Schichten der ostjüdischen Masse ihre große Popularität verschafften. Die Kmie ist heute gutjüdisch und in den Augen ihrer Träger ebenso heilig wie alle anderen frommen Segullot. Ein Chassid würde jeden als argen Ketzer ansehen, der es wagen sollte, zu behaupten, daß die ihm vom Zaddik geschenkte und oft erst nach vielen Bitten erlangte Kmie in ihrem Wesen und Ursprung unjüdisch und sogar heidnisch sei.*) Aehnlich wie mit der Kmie verhält es sich mit dem sog. „Besprechen" (hebr. Lechischah) bezw. Beschwören oder wie es im Osten heißt „Absprechen* von Krankheiten. Auch von diesem Brauch ist in der Bibel nur andeutungsweise und kaum merkliches zu finden. (Jesaias 3,3. Psalmen 58,6). Im Talmud hingegen ist schon oft vom Bannen von Krankheiten durch Beschwören die Rede und es werden sogar manche solcher Beschwörungsformeln gegen mancherlei Krankheiten angeführt, so z. B. Tr. Sabbat 67 A Tr. Pesachim 112 A usw. Unter anderem ist auch der Brauch des Beschwörens von Krankheiten aus der heidnischen Nachbarschaft Palästinas noch in alter Zeit unter die Juden gekommen und scheint hier große Verbreitung gefunden zu haben. Im Bestreben, diesem fremden Brauche jüdisches Gepräge zu verleihen, pflegte man in späterer Zeit die Heilung von Wunden durch Beschwörungsformeln, die entsprechende biblische Verse zum Inhalt hatten, herbeiführen zu wollen, gegen welche Sitte R. Akiba mit der ganzen Wucht seiner Autorität auftrat und denjenigen, der eine Wunde mit einem Bibelvers bespricht bezw. beschwört, mit Verlust des Jenseits bedrohte, denn es steht geschrieben: „Ich der Ewige bin es, der dich heilte (Exodus 15,26. Tr. Synhedrin 90 A). Mit Rücksicht jedoch auf die große Verbreitung und augenscheinlich große Beliebtheit, deren sich dieser Brauch beim Volke erfreute, wurde er unter Umständen, wenn der Kranke dabei nicht angespieen wird, mit der Zeit zunächst toleriert, später sogar ausdrücklich erlaubt, damit der Kranke sich beruhige und bei schwerem Leiden keine Verzweiflung aufkomme (ebd. 101 A. Schulchan Aruch, Jareh Deah § 179 Absch. 5). Trotz des Widerstands und der Abneigung der talmudisch gelehrten Kreise wurde der Brauch des Besprechens von Krankheiten, wie die Quellen *) Manche Zaddikim aus der Familie der Sadagorer (Nachkommen des R. Israel aus Ruzyn genannt „der Riziner«) unterlassen es überhaupt Kmlot gegen Krankheit und dgl. ihren Anhängern zu geben und beschränken sich bloß auf spezielle Hauskmiot. Bezieht nämlich einer ihrer Chassidim ein neues Haus oder Wohnung, dann bekommt er vom Zaddik eine in Blech eingekapselte Kmie, die als segenbringend und zugleich als Schutz gegen allerlei Unbill im Innern des Hauses in horizontaler Lage über der Oberpfoste der Eingangstür angebracht wird»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.