Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 Samuel Rappaport: von gewichtiger Seite empfohlenen, frommen Segullot, wegen ihrer ihnen innewohnenden höheren und heilwirkenden Kräfte nicht verzichten will. Bei der dem jüdischen Wesen charakteristischen Eigenart, das All, die natürliche und die übernatürliche Welt mit allen ihren sichtbaren und bloß geahnten Erscheinungen, die ganze Umgebung und alle persönlichen Handlungen und Geschehnisse unter dem Gesichtspunkte des Göttlichen, sozusagen sub specie divinitatis zu sehen und allem Seienden religiöse Weihe zu verleihen, kam es unter anderem auch dazu, daß unter die vielen gegen Krankheit geübten frommen Bräuche sich auch solche mischen konnten, die aus einer dem jüdischen Geist fremden Welt stammen und die bei näherer Betrachtung über ihren nichtjüdischen Ursprung keinen Zweifel walten lassen. Durch Entfernung gewisser charakteristischer unjüdischer, mitunter reinheidnischer Merkmale erhielten sie, in Verbindung mit frommen Gebeten oder kabbalistischen Sprüchen und Zeichen, ein jüdisch-religiöses Gepräge. Bei seiner Abneigung gegen alles dem jüdischen Geiste Widersprechende und umsomehr gegen das von Seiten der religiösen Tradition streng verpönte Zauberhafte fand das jüdische Gewissen in solchen, ursprünglich unjüdischen Bräuchen wegen der ihnen verliehenen frommen Färbung seine Beruhigung und setzte sie im Lauf der Zeit den frommen und gottgefälligen Segullot gleich. Einer der viel verbreiteten fremden Bräuche, die schon in alter Zeit in das Judentum Eingang gefunden haben und bis heute im Osten unter den Chassidim sich einer großen Popularität erfreuen, ist die sog. Kmie, d. h. Amulett, Unbill fernhaltender und glückbringender Talisman und ganz besonders Schutz- und Abwehrmittel gegen Krankheit. Das Amulett ist als Schutzmittel gegen böse Dämonen wie gegen Krankheit den meisten alten Völkern bekannt. In der Bibel ist die Kmie als solche, mit Ausnahme von Jesaias Kap. 3.20, kaum zu finden. Erst im Laut der letzten Jahrhunderte vor der Zerstörung des zweiten Tempels scheint sie aus Babylonien und Aegypten Eingang und große Verbreitung im jüdischen Volk gefunden zu haben. Talmud und Midrasch haben sie sogar in den Kreis der halachischen Diskussion gezogen (Tr. Sabbat 60 A). Ein Arzt sei glaubwürdig, wenn er sagt: „Dies Amulett ist heilkräftig, es hat sich bei mir schon zwei und dreimal bewährt" (Talmud Jeruschalmi Tr. Sabbat VI 8 B). Im Mittelalter war das Amulett bei den Juden so beliebt und die von ihnen angefertigten Amulette galten als so heilkräftig, daß viele Christen sich ihre Amulette durch Juden haben schreiben lassen. (Die Religion in Geschichte und Gegenwart Bd. I Seite 450.) Mit dem Aufblühen der lurjanischen Kabbala gelangte auch der Kultus der Kmiot in den Ländern des Abendlandes wie Deutschland und ganz besonders Polen zu großem Ansehen. Bekannt ist der zwischen den berühmten R. Jakob Emden und Jonatan Eibenschütz (gegen Mitte des 18. Jahrhunderts) ausgebrochene Streit wegen der angeblich ketzerischen und auf Sabbatai Zewi sich stützenden, von Eibenschütz an Kranke gegebenen Kmiot, welcher