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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 108

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
Date
1921-01-01
Page
108 (sequence 8)
Language
German
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108 Rudolf Valsonok: Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte schnell unter der Leitung der sog. Nationaldemokratie, die ihre Ideen zu nationalen Ideen erhob. Es setzte sich programmatisch zum Ziel, mit Hilfe der ganzen polnischen Gesellschaft Industrie und Gewerbe zu kräftigen, die Zahl der Juden durch Auswanderung zu beschränken, das polnische Geistesleben von jüdischen Einflüssen unabhängig zu machen und insbesondere die Juden mit den Mitteln einer wohlorganisierten dörflichen und städtischen korporativen Bewegung aus den Handelspositionen zu entfernen. Eine hinlängliche Darstellung der jüdischen wirtschaftlichen Betätigung in Polen geben die offiziellen Daten, aus denen zu ersehen ist, dass in Kongreßpolen im Jahr 1913 die Zahl der Juden 1957000, d. i. 15%. der allgemeinen Bevölkerung betrug, wovon in den 16 Städten der 10 Gouvernements 6o,2°/o wohnten. Die berufliche Gliederung drückt ihre Anomalie in der Ueberfüllung einiger Berufsgruppen auf Kosten anderer aus. Die Angaben von 1897 weisen einen Anteil des jüdischen Elements an der Landwirtschaft von 2,5% auf, an Handwerk und Industrie von 34,3°/0 am Handel von 39%. In Galizien dagegen lebten 1910 871895 Juden, d. i. 10,86% der Bevölkerung. Auch dort ist die gleiche Erscheinung wie in Kronpolen zu bemerken: in den zwei großen Berufsgruppen — Industrie und Handwerk, Handel und Verkehr — sind 6/7 der jüdischen Bevölkerung konzentriert, in der Landwirtschaft und verwandten Zweigen sind 10,72°/0 Juden tätig. Durch den von der Landesbevölkerung mit Hilfe der kooperativen Bewegung geführten Kampf wird das jüdische Element gezwungen, das Dorf zu verlassen, wo die Wirtschaftsfunktionen einer fremdnationalen -Gruppe nicht mehr vonnöten sind. Es begiebt sich in die Stadt und muß sich in der Folge in den großen Städten konzentrieren. Dieser Zug in die großen Städte führt zu einer unerwünschten Ueberfüllung der städtischen Berufszweige, vornehmlich zur Vermehrung der Vermittler, der unproduktiven Händlerschicht. Das macht naturgemäß die jüdische Bevölkerung immer kampfunfähiger. Anderseits verstärken sich die Wirtschaftspositionen der polnischen Bevölkerung von Jahr zu Jahr. So verhält es sich mit dem polnischen Gesellschafts-Antisemitismus, der sich, im Gegensatz zum russischen Regierungs-Antisemitismus, zur Aufgabe gemacht hat, nicht das einheimische Bürgertum vor der gefährlichen Berührung mit dem jüdischen Kaufmannsstand zu bewahren, sondern das Wirtschaftsleben völlig judenrein zu machen. Darin ist der gewaltige Unterschied zwischen der Stellung der Juden in Litauen und Weißrußland einerseits und der in Polen anderseits begründet. Die Taten des aggressiven polnischen Antisemitismus sind zu bekannt, als daß man über sie zu berichten brauchte, — von dem berühmten Boykott von 1912 bis zujdem chronischen Pogrom, der seit dem November 1918 in Polen herrscht. Pragmatisch vereinigt stellen sie den modernen Kreuzzug einer zivilisierten Nation gegen den achthundertjährigen Wohngefährten dar, mit dem Zweck, dessen wirtschaftlichen Bestand zu vernichten. Die jüdische Gesellschaftlichkeit pflegt in solchen Fällen stets ihren

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