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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 107

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
Date
1921-01-01
Page
107 (sequence 7)
Language
German
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Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum 107 schränkung des jüdischen Wohnrechts und der jüdischen Freizügigkeit entstammten dem entschiedenen Willen, den russischen Kaufmannsstand vor Konkurrenz und das Dorf vor Exploitation zu bewahren. Die wirtschaftliche Betätigung der jüdischen Bevölkerung hatte in dem russischen Leben eine erhebliche Bedeutung. Das wird selbstverständlich, wenn man bedenkt, daß 95,9 % aller Juden in Rußland die westlichen Provinzen bewohnten, wo sie ii,60/0 der Bevölkerung ausmachten. In den Städten des nordöstlichen Gebiets betrugen sie nach der eintägigen Volkszählung von 1897 sogar 52,6°/0, im Grodner Bezirk im besonderen 58,7°/o» *m Minsker 59,4%» Einen großen Teil der städtischen und einen noch größeren der nicht-landwirtschaftlichen Bevölkerung darstellend, spielten die Juden dadurch allein schon eine bedeutende passive Wirtschaftsrolle, daß sie ein wichtiger Konsument der landwirtschaftlichen Erzeugnisse waren. Bedeutender aber war die aktive Funktion des Judentums im Wirtschaftsleben des Landes. Nahezu ein Drittel der industriellen Produktion im Ansiedlungsrayon (31,4%) lag in den Händen von Juden und sie beschäftigte mehr als ein Drittel (36,3%) der selbständigen jüdischen Bevölkerung. Gewisse Handwerke wurden hauptsächlich von Juden betrieben. So waren z. B. in dem Schneidergewerbe die Juden nach den Angaben von 1897 mit ^51,4% vertreten. In der Handelsklasse machten die Juden beinahe 8/4 (72,8%) aus; in einzelnen Teilen des Ansiedlungsrayons war ihr Anteil noch höher: im nordöstlichen Gebiet kamen auf 1000 handeltreibende Personen 886, im Getreidehandel sogar 930 Juden. Diese Ziffern widersprechen nicht der überaus schweren Lage der jüdischen Bevölkerung im ehemaligen russischen Reich, sie bestätigen sie vielmehr. Denn zusammengepreßt in den Städten und Städtchen — von diesen hauptsächlich in den größeren — des Ansiedlungsrayons, bestand die jüdische Bevölkerung aus einer dünnen vermögenden Schicht und einer ungeheuren besitzlosen Masse, in der der Arbeiter, der Handwerker und der Kleinhändler gleichmäßig vertreten waren. Im Königreich Polen wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Bund mit dem Großbesitz, der seine ökonomische Existenz zu retten suchte, von neuem geschlossen. Kraft ihrer wirtschaftlichen Tüchtigkeit vermochten es die Juden, den polnischen Adel vor den russischen Reformen und das ganze Land vor dem Ruin zu bewahren. Das Ergebnis dieser legitimen Führung im Wirtschaftsleben, das durch jüdisches Kapital und jüdischen Fleiß belebt wurde, war das Aufblühen der polnischen Industrief der Landwirtschaft und des Geldhandels. In Galizien bediente sich die Szlachta der Juden zu ihren politischen Zwecken und sicherte ihnen dafür gewisse wirtschaftliche Konzessionen zu. Diese Verhältnisse dauerten so lange an, bis die Polenselbst imstande waren, die Führung des Wirtschaftslebens zu übernehmen. Der erste Zusammenstoß in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts machte die gefährliche jüdische Lage offenbar. Das erstarkte polnische Bürgertum, unterstützt durch einen erheblichen Zustrom seitens der Szlachta, organisierte sich 8*

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