Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 109 (sequence 9)
- Language
- German
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden starken Drang in der Richtung auf Produktivierung zu bewähren. Wo es möglich ist, entlädt sie, wie in bewußter Handlung, die überfüllten Berufszweige durch eine Bewegung auf neue Gebiete und Zweige der Produktion hin. Zwei Wege kommen da in Betracht: der eine ist die Abwanderung eines ansehnlichen Teils der Bevölkerung, der andere die Hebung des Wirtschaftslebens des Landes zu einer Intensität, bei der ein Teil der in Handel und Gewerbe tätigen Schichten in die Urproduktion einbezogen wird, ein anderer Teil aufhört überzählig zu sein. Für das östliche Judentum war von diesen zwei Wegen nur der erste offen. So setzten sich die Emigrantenfluten in Bewegung nach Westen. Dreißig Jahre lang floß unablässig aus dem Gebiet zwischen Dniepr und Karpathen der breite Menschenstrom und erst der Krieg hat ihn aufzuhalten vermocht. Mehr als anderthalb Millionen wanderten von Rußland allein aus. Besonders stark war die jüdische Emigration aus Galizien. In hohem Maße hat die Abwanderung die Lage der Zurückgebliebenen erleichtert. Die jüdische Not zu überwinden war sie keinesfalls imstande. Die gegenwärtigen Produktivierungsversuche werden nur dann ihre Aufgabe positiv zu lösen vermögen, wenn sie sich nicht mit der Verdünnung des jüdischen Bevölkerungsstatus durch Auswanderung begnügen werden, sondern darauf ausgehen werden, das jüdische Element in seinem gegenwärtigen Lebensraum und dessen Urproduktion einzuwurzeln. SAMUEL RAPPAPORT / AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OSTJUDEN VI Krankheit 3, Bräuche gegen Krankheit A. Beschwören und Kohlenlöschen. Krankheit hintanzuhalten und, insofern der Mensch von ihr heimgesucht wird, zu bannen und zu bekämpfen ist religiöse Pflicht. Die Mittel hierzu sind profanen und frommen Charakters. Während die profanen bloß mittelbar, gleichsam als Medium, durch das Gott den Kranken genesen macht, anerkannt werden, bedeuten die frommen Mittel, d. h. die verschiedenartigen religiösen Bräuche, jene Kräfte, die die gnadenreiche Hilfe Gottes unmittelbar auf den Menschen wirken lassen. Der fromme Brauch oder Segullah besitzt unter gewissen Voraussetzungen und Umständen in erhöhtem Maße als die gewöhnlichen profanen Heilmittel die übernatürliche Macht, ein Einsetzen himmlischer Kräfte zugunsten der Erhaltung eines Menschenlebens herbeizuführen. Kein Wunder nun, wenn der fromme Ostjude im Krankheitsfall, trotz genauer Befolgung der vom Berufsarzt angeordneten profanen Mittel, auch auf die üblichen, angeblich erprobten oder