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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 105

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
Date
1921-01-01
Page
105 (sequence 5)
Language
German
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Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum 105 compagnien organisierten, um die Verbindung mit der Levante und der Hansa zu unterhalten. Groß war auch die Zahl jüdischer Kaufleute, die sich besonders mit Export befaßten. Ungemein entwickelt hatten sich verschiedene Handwerke, insbesondere in den größeren Städten, die die Bedürfnisse der ganzen Bevölkerung versorgten. Verbreitet war auch der zu jener Zeit rentabelste Zweig des Handels, der Detailhandel, obgleich es hier große Störungen von Seiten des Bürgertums sowie der kleinen und mittleren Szlachta gab. Außer dem sehr gesteigerten Umsatz aus Kreditoperationen hatten die Juden, namentlich in den Ostprovinzen, vielfach die Pacht von großen Landgütern, Bergwerken und sogar Zollämtern inne. Die Hauptfaktoren des reich aufgeblühten jüdischen Wirtschaftslebens im alten Polen waren die Produktivie'rungs- und Nationalisierungstendenzen des Judentums. Dank ihrer Einwirkung auf die schwach organisierte und wenig entwickelte polnische Volkswirtschaft nahm die Judenheit die Stellung eines Wirtschaftselements von bedeutendem Einfluß ein, das die ferneren Geschicke des sozialökonomischen Organismus Polens in hohem Maße mitbestimmte. Die Judenheit der „Republik" konstituierte sich in Uebereinstimmung mit dem Geist des polnischen Staatsrechts als gleichberechtigter Geselischaftsstand mit eigener Gerichtsbarkeit und ordnete ihr inneres Leben auf Grundlagen, die ihren vollen Ausdruck im Gemeinderecht fanden. Bemerkenswert ist hier wieder die Gesetzmäßigkeit der jüdischen Oekonomik. Zu derselben Zeit, als die feudale Welt des Westens unter dem Druck der inneren Produktionskräfte auseinandergerissen wurde und infolge der Eröffnung der neuen Wege der merkantile Geist mit seinem humanistischrevolutionären Untergrund emporkam, siegte in Polen das autoritäre Prinzip der Szlachta, die den Staat in ihre Domäne verwandelte und ihn wirtschaftlich desorganisierte, indem sie die tätigen Bevölkerungsschichten der Willkür des Adels und den Sonderinteressen des Grundbesitzes unterwarf. Das Zeitalter bezeichnete also zugleich den Abschluß des Mittelalters im Westen und dessen Beginn in Polen. Mit diesem waren die Vorbedingungen des jüdischen Ghettos geschaffen und es ließ nicht lange auf sich warten. Der Anfang des 16. Jahrhunderts weist schon eine Reihe geschlossener Ghetti in den westpolnischen Städten auf, so Krakau und Posen. Das polnische Mittelalter hat, indem es Rechte und Tätigkeit der Städte beschränkte, sie zum jüdischen Handel und Handwerk in das Verhältnis eines offenen Kampfes gesetzt. Es hob das jüdische Element aus seinem Besitzstand und zwang es, sich völlig den Erfordernissen des Exporthandels der Szlachta anzupassen. Die weitere sozialökonomische Entwicklung in Polen führte dazu, daß der Jude, oft Händler, Pächter und Geldverleiher in einer Person, von dem polonisierten deutschen Mittelstand und der mittleren Szlachta unbarmherzig bekämpft wurde. Gleichzeitig war er aber der sicherste Verbündete des Hochadels, der ihm den Export seiner Produktion und die Pacht seines Grundbesitzes übertrug und sich seiner zur wirtschaftlichen Unterdrückung des Bauerntums und des Heft 2 g

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