Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 104 (sequence 4)
- Language
- German
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104 RudolfValsonok: Beseitigung des jüdischen Einflusses auf die weiteren Geschicke des mitteleuropäischen Großhandels mit der Umwelt vollzog sich unter dem Nachklang der Massengemetzel der Kreuzzugszeit und der systematischen Judenausrottung der nachfolgenden Epoche. Das Ergebnis ist, daß der unbewegliche jüdische Besitz aufgehoben und die mitteleuropäische Judenheit in den engen Kreis des Kleinhandels und der Kreditoperationen gezwungen wird* Im späten Mittelalter ist das jüdische Wirtschaftsleben entwurzelt und von den Produktionstrieben der mitteleuropäischen Volkswirtschaft abgeschieden. Vor einem langsamen Absterben ist die jüdische Gesellschaftlichkeit durch den objektiven Bau ihres physisch-wirtschaftlichen Organismus und den subjektiven Willensausdruck des jüdischen Massenlebens bewahrt worden. Es war die ewige Produktivierungs-Tendenz, die, zusammen mit dem Streben, das jüdische Leben zu nationalisieren, den eigentlichen Kraftaufwand des Judentums zur Erhaltung der Art bestimmte. Nur sie war imstande, die Fragen zu beantworten, die durch die Zerstörung der jüdischen Wirtschaft gestellt waren. Und in der Tat, mitten im 12. Jahrhundert, während in Mitteleuropa der Wirtschaftskampf entbrannt war, hatte schon die jüdische Wanderung nach Ländern mit niedrigerer Wirtschaftsintensität begonnen. In der Stille flohen Juden aus den rheinischen^ Provinzen nach Palästina, wo sie von dem levantinischen Warenaustausch aufgeschlungen wurden oder in die intensive Wirtschaft eindrangen. Diese Bewegung dauerte bis zum Ende des 14. Jahrhunderts an. Die ostdeutschen Provinzen dagegen lieferten das jüdische Emigrationselement für das westpolnische Gebiet, das die erwünschten Gäste gern aufnahm und beschützte. Im Lauf von drei Jahrhunderten hat das Verlangen nach produktiveren Lebensbedingungen die breiten Schichten der mitteleuropäischen Judenheit erfaßt, daß sie zum Wanderstab griffen und sich dem Land der Piasten und Jagellonen zuwandten. II. Polen erwuchs in der Zeit vom Untergang des chazarischen Reiches bis zur Eröffnung neuer Wege nach Ostindien zu einem Wirtschaftsgebiet erster Ordnung. Polens günstige geographische Lage lockte die jüdischen Pioniere höherer Wirtschaftsformen nicht aus dem Westen allein an. Denn der westlichen Wanderung war das massenhafte Eindringen Chazarischer und Krimer Juden in das polnische Ostgebiet vorangegangen. Die offene Möglichkeit produktiver Wirtschaftstätigkeit wurde von den rührseligen Immigranten voll ausgenützt, die in kurzer Zeit Polen auf die Stufe erhoben, auf der es sich der Welt zu Anfang des 15. Jahrhunderts darstellte. Das Ende des 15. Jahrhunderts, die Stunde grausamster Judenverfolgungen im Westen, brachte den jüdischen Wohlstand in Polen zu seiner Höhe. Der Kulminationspunkt von Polens wirtschaftlicher Entwicklung war zugleich der Gipfel des jüdischen Wohlstands. Die Wirtschaftsfunktionen der jüdischen Bevölkerung waren verschiedenartig. Es waren große Handelsherren, die, wie die Breslauer und Krakauer Kaufleute, sich in Handels-