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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
Date
1921-01-01
Page
103 (sequence 3)
Language
German
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Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum 103 liefert. Das Judentum, über den ganzen alten Kontinent verstreut, [an einzelnen Orten, so in Frankreich, Spanien, Mesopotamien und Chazarien, mit der Urproduktion verbunden, stellte den einzigen Faktor dar, der, dank der unentgeltlichen Agenturen und Warenlager der jüdischen Gemeinden und der durch die Grundrente angesammelten Kapitalien, die große Handelsmöglichkeit mit der Levante zu realisieren vermochte. Die Wege von Westen nach Osten über Suez, Mesopotamien und die Chazarei beherrschend, haben die Juden im Lauf der Vorkreuzzugsepoche den Güteraustausch zwischen Europa und der Levante nahezu gänzlich monopolisiert. Sie schufen auch neue Industrien, zeichneten sich in vielen besonders aus und waren wohlvertraut mit der intensiven Wirtschaft. Das europäische Judentum war somit in der Zeit vor den Kreuzzügen beinahe der einzige Wirtschaftsfaktor mit höheren Organisationsformen. Dieser Vorzugsstellung des Judentums als wirtschaftlicher Größe haben im öffentlichen Leben Europas die Kreuzzüge ein Ende bereitet. Die westeuropäischen Städte, die Keime des entstehenden nationalen Mittelstands, begannen sich machtvoll zu entwickeln, indem sie von den wichtigsten Handelswegen, den mittelländischen, den unerwünschten Konkurrenten entfernten. Der jüdische Kaufmann mußte schon seit Jahrhunderten die große Rolle, die er bisher im Gebiet des Mittelmeers ausgefüllt hatte, als beendet erkennen. Denn die größten Handelsrepubliken Norditaliens eigneten sich mit bewaffneter Macht die Produktionsgebiete Vorderasiens zu, indem sie das Eigentumsverhältnis zu ihnen mit den Privilegien ihrer souveränen Waffengefährten, der Kreuzfürsten, begründeten. DieJMacht- und Einflußsphären im mittelländischen Levantehandel wurden unter ihnen (Venedig, Pisa und Genua) verteilt und der Anteil der Juden am Auslandshandel Westeuropas hatte damit sein Ende efreicht. Der Schwerpunkt des jüdischen Handels überträgt sich nun nach Osteuropa. Die jüdischen Kaufleute aus dem Westen pflegen dort Verbindungen mit den orientalischen Zentren anzuknüpfen. Denn gezwungen, auf dem Konkurrenzfeld dem weit stärkeren Gegner zu weichen, wollten sie doch auf den mitteleuropäischen Absatzmarkt nicht verzichten, -den sie sich mit allen Mitteln zu erhalten bemüht waren. Und in der Tat wurden die östlichen Teile Deutschlands noch längere Zeit von ihnen mit Artikeln des Levantehandels versorgt, teils auf dem Weg über die Chazarei, teils über Kiew. Das europäische Judentum ist nach einer verhältnismäßig langen Blütezeit wieder in die Lage eines verfolgten, unwillkommenen Gastes versetzt. Das eingesessene westeuropäische Bürgertum hält es nicht mehr für nötig, in seinen Reihen das fremdnationale Element zu dulden, das seine Aufgabe an der wirtschaftlichen Erziehung des Landes bereits erfüllt hat. Und wenn es auf friedlichem Wege nicht gelingt, das befähigte und geschulte Element aus dem profitablen Orienthandel zu beseitigen, dann wird das Ausrottungssystem geschaffen, das auf dem Boden soziaj-religiöser Gegensätze die niedrigen Instinkte der Menge gegen den allgemeinen Feind lenkt. Die

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