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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 102

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und das östliche Judentum
Date
1921-01-01
Page
102 (sequence 2)
Language
German
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102 Rudo 1 f Valsonok: Das Judentum trat somit ins Mittelalter im Bewußtsein nicht bloß seiner kulturellen Reife sondern auch seines wirtschaftsfunktionellen Uebergewichts: als der Faktor, der im Zeitalter der völligen Atomisierung Europas nahezu allein die wirtschaftliche Einheit der abendländischen Welt aufrecht erhielt. Der Untergang des Römischen Reiches ruft aber infolge der neugeschaffenen politisch-wirtschaftlichen Lage des feudalen Europa einen gewaltigen Ausbruch der uralten Tendenzen der jüdischen Gesellschaftlichkeit hervor: der Nationalisierung und der Produktivierung. Mit der Entstehung einer ganzen Reihe germanischer Staaten auf den Trümmern des römischen Imperiums und mit der Einführung des germanischen Rechts werden die Juden alsbald aus der Rechtssphäre ausgeschlossen. Das germanische Recht basierte bekanntlich auf dem Grundbesitz — Boden erwerben konnten aber nur Germanen. Die Juden wurden nicht bloß in die germanische Mark nicht aufgenommen, sie mußten auch zumeist auf ihre bisherigen Besitztümer verzichten. Solchermaßen wurden die einstmaligen römischen Bürger (cives Romani) auf die Stufe von Volksfremden herabgesfoßen, weil die Mark, die Stammesgenossenschaft, für sie keinen Platz hatte. Es begann ein Prozeß der Entwurzelung in den Gebieten der neuen germanischen Staaten. Anderseits schuf der nach der furchtbaren Geldkrisis des dritten Jahrhunderts lahmgelegte Handel nur in den Häfen des Mittelmeers größere Betätigungsmöglichkeiten für die Bevölkerung. In den übrigen Teilen des feudalen Europa bediente er nur die Luxusbedürfnisse der herrschenden Schichten. Die jüdische Vermittlerschaft wurde also stark eingeschränkt, zumal sie im Mittelmeergebiet mit der Konkurrenz der sogenannten syrischen Kaufleute rechnen mußte. Die Entwurzelung des jüdischen Besitzstandes in den germanischen Ländern und der Mangel großer Absatzmärkte für die wenigen Artikel des Orienthandels einerseits und die fortschreitende Atomisierung Europas anderseits nötigten die jüdische Gesellschaftlichkeit, auf dem Weg der Produktivierung und Nationalisierung die wirksamste Heilung jenes seltsamen wirtschaftlichen Stillstands zu suchen, der zugleich mit der Umwelt auch das Judentum beherrschte. Dieser Produktivierungsprozeß drückte sich in der Massenauswanderung nach der nördlichen Peripherie des einstigen Imperiums aus, die auf die Uebermittlung höherer Wirtschaftsformen ausging, sowie im Uebergang zu intensiver Wirtschaft innerhalb der südlichen Peripherie, z. B. in Spanien und Sizilien. Gleichzeitig wurde durch die Umwelt die Nationalisierung des jüdischen Lebens befördert, das sich in Uebereinstimmung mit dem Geist der mittelalterlichen Weltanschauung in der Gestalt eines starken gemeindenhaften Wesens als autonom konstituierte. Im achten Jahrhundert erwachen die europäischen Produktionsgebiete und treten in lebhafte Beziehungen zum Orient, der seine Erzeugnisse

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