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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
100 (sequence 11)
Language
German
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1ÖÖ David Kolben: Im Wirbel der Geschichte Staate, selbst dem Volke, der Gesellschaft, der Bildung, dem Menschen und der Person vindizierte man keine sich genügenden Ziele und Ideen. Die Revolution ist der Demiurg selber. Die Mythologen der Revolution verkünden es schon allenthalben: Eh, ihr Russen, Fischer des Weltalls, Euer Netz in der Morgenröte hat den Himmel gefangen — Posaunet, schlagt los! Ihre Herden weiden in den Himmeln, die Hühner picken die Sterne auf und sie selber schlagen die Mutter-Erde entzwei und drücken das Knie auf den Aequator. Das Universum, der Kosmos ist von nun an in Aufruhr geraten. Und die Macht zu binden und zu lösen, hienieden und drüben, im Jenseits steht allein der Revolutiongewalt zu. Als Demiurg der Welt und der Schicksale, als der reale konkreteste Ausdruck des allerrealsten, „reinen" Volkes, des proletarischen Volkes, das nicht galt und kein Hab und Gut sein eigen nannte, geht die Revolutionsmacht in lauter Umwälzungen, in Streben zum Anderswerden auf. „Inonia", die „Andersgeartete" ist von nun an der neue Taufname der russischen Erde. Die Dichter-Mythologen gab^n ihr diesen mit auf den langen Weg in die kosmischen Regionen. Das Szepter der Revolution, der Sitz der Weltgewalt ist das dritte Rom, die Mutter Moskau. Und da wird gewaltet und verwaltet, wie es eben Revolutionsart ist. Ihr kam zu statten die seit Lassalle in unseren alten Europa auf Irrwege geratene staatssozialistische Doktrim. Alles darf, alles kann, alles muß der Staat vollbringen. Einer muß es doch können. Eine Zeit lang wollte es scheinen, Rußlands Sturz sei dem Sturze des alten Römischen Reiches gleich und würde Europa, die ganze Welt mit in seinen Strudel hineinziehen. Und manchen dünkte es schon, daß die Geschichte von der Eschatologie abgelöst werde: Untergang und ein neues proletarisches Nazarenertum ohne Arbeit, ohne Gesellschaft, ohne Staat, ohne Ziel. Und nun wuchs über Nacht im Lande der Nazarener ein sozialistisches Korsika empor, die politische Romantik des altrussischen Staates wurde wach, Form, Strenge und Härte, ohne die .kein Staat denkbar ist, stellten sich ein und abermals steht Rußland vor dem Problem: Staat und Volk. Dereigenüiche Held dieses ganzen Aufruhrs, der namenlose Karatajew scheint seinen Königatraum noch nicht ausgeträumt zu haben. Was geht da vor? Treibt auch hier, selbst im Kreise der revolutionären Ideologen, das alte tausendjährige russische Reich seine Zauberkünste, indem es sich dienen läßt, so daß die revolutionären Ideologen und Machthaber in ihrem Eifer nur ad absurdum weiterspinnen, was vom alten Russenstaat vorgezeichnet wurde? Ist es der Staat, das feste Gefüge des alten Lebens, die jetzt Rache nehmen an dem Galiläer, der es wagte die alten Tafeln in Stücke zu schlagen? Oder schickt sich in Wahrheit der Galiläer an die Erbschaft der tausendjährigen Gährung anzutreten7 Oder ist es gar ein Dritter, noch ungenannter, für den das Volk und der Staat geblutet haben?

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