Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 101 (sequence 12)
- Language
- German
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Rudolf Valsonok: Die Tendenzen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte 101 Die Restauration, die gerade in unseren Tagen von der Revolution selbst in Angriff genommen wird, die Revolution und Restauration in einer und derselben Person — deutet dies nicht auf den Sieg dieses Dritten hin? Wie auch dem sei, im Schatten der Revolution, hinter den Kulissen des volk-staatlichen Dramas wächst neues Leben, wird ein neuer Menschenschlag gezüchtet und ein neuer Glaube steigt aus dem aufgewühlten Boden empor. Abermals zeigen sich die Nebenprodukte der Revolution stärker als ihr eigenster Wille. Trotz alledem geht die Geschichte, geht die Gruppen-, Menschen- und Geistbildung auch im Russenreich weiter. Die Eschatologie scheint schon überwunden zu sein. Ich will es nun versuchen, darüber zu berichten. Umsomehr will ich es tun, als diese große innere Umwandlung auch den Israeliten in ihren Kreis hineinzieht. Vielleicht möchte dann die Legende von den jüdischen Aposteln des russischen Bolschewismus ein Ende nehmen. Man muß sich denn auch beeilen. Denn der gesamte russische Bolschiwismus ist zur Zeit auf dem besten Wege, in dem Nationalismus des Russentums unterzutauchen. RUDOLF VALSONOK / DIE TENDENZEN DER JÜDISCHEN WIRTSCHAFTSGESCHICHTE UND DAS ÖSTLICHE JUDENTUM i. Wenn man mit einem schnellen Blick die ganze Geschichtsstrecke überschaut, die das Judentum in Europa durchmessen hat, und wenn man danach versucht, die Eindrücke pragmatisch mit der gegenwärtigen Lage des allweltlichen Judentums überhaupt und des östlichen insbesondere zu verknüpfen, kommt man zu der Ueberzeugung, daß die gesellschaftlichwirtschaftliche Entwicklung des jüdischen Lebens ganz folgerichtig ihren eigenen Weg gegangen ist, den ihr die objektive Gesetzmäßigkeit der Umwelt vorgezeichnet hat. Auch der allgemeinste Ueberblick zeigt schon, daß vom Zeitalter des römischen Kaiserreichs an die Juden in einer anhaltenden Differenzierung ihrer völlig veränderten Wirtschaftsphysiognomie begriffen waren. Sie fügten sich von da an immer wieder in große Produktionsgebiete mit schwach organisiertem Güteraustausch-Prozeß ein. Der Universalismus der spätkaiserlichen römischen Wirtschaft hat das zerstreute und höchst intensive jüdische Element auf die Stufe eines passiven Zentralisationsfaktors erhoben. Im Zusammenhang mit dem erstaunlich großen Versuch des Römischen Reiches, die antike Welt zu vereinigen, wurde der Ueberbau des jüdischen Wirtschaftslebens auf merkantiler Grundlage errichtet. Derselbe römische Universalismus hat das europäische Judentum in den Dienst der damaligen Produktionsgebiete gestellt. Er hat nach dem Untergang des Reiches als einzigen Erben der antiken Wirtschaftsfunktionen die jüdische Handelsklasse hinterlassen.