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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
98 (sequence 9)
Language
German
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98 David Koigen: Sinn des großen Dramas liegen, das sich im Kampfe zwischen Volk und Staat, zwischen dem Einzel- und dem gemeinsamen Schicksal abspielt? Vielleicht, so dünkt es mich oft, ist das gesamte revolutionäre Schauspiel mit all seinen Aeusserungen und Verordnungen ein bloßes Mirakel, das vom tausendjährigen russischen Reich zum Zweck des Selbstschutzes herbeigeschworen ist. Das Volk glaubt zu schieben und wird noch immer geschoben. Gerade die Ideologen der Revolution flößen mir solche Gedanken ein. Waren sie es doch, die Jahrzehnte lang die russische Bildung beherrschten, und sie waren es denn auch, die uns daran gewöhnten, daß das magnum ig not um der Zeit, der Epoche, einer Klasse oder gar einer Partei mehr wiege als die magna i g n o t a der Welt und des Daseins. Gleich dem Staate, gegen den sie ins Feld zogen, drängten auch sie die Kultur, ihren Selbstzweck weit zurück, um damit den überindividuellen Zielen, der „Historie" zu dienen. Der revolutionäre Wille, wie er in den geschichtlichen Taten gehandhabt wird, ist in seiner Wesenheit eine machtbildende, politische Kraft Und indem die Revolution an die Herrschaft gelangt, begeht sie die gleichen Sünden, an denen der Staat, den sie ablöste, zugrunde ging. Die Revolution bedeutet immer ein Minimum von Kultur, von freiem Schaffen und ein Maximum von Staatsgewalt, von politischem Aberglauben. Wir vergessen zu leicht und lernen zu wenig aus der eigenen europäischen Geschichte. Sonst hätten wir von vornherein gewußt, daß es unerlaubt ist, mit der Revolution Hoffnungen auf Kultur- und Menschenentwicklung zu setzen. Es gehört vielmehr zur Tradition aller Revolutionen, auf die eigene Arbeit zu verzichten und alles vom Staate zu verlangen. Der Staat kann alles, zumal wenn es ein sogenannter wahrer Volksstaat ist. Er kann die Hungernden satt machen, kann Würde und Macht verschaffen und vor allem Geld und Güter seinen Getreuen zuteilen. Der stärkste Glaube an die Omnipotenz des Staates im modernen Europa rührt denn auch sicherlich vom Staat des französischen Jakobinertums her. Die russische Revolution unterliegt der Dialektik all ihrer Vorgängerinnen. Sie lebte sich um so leichter in das politische Vorurteil hinein, als ringsherum im Russenreiche die Kultur, die Gesellschaft, die Persönlichkeit allzu gering waren und sind. Die Gesellschaft war zu schwach, als daß man mit ihr hätte rechnen müssen. Woher sollte auch die russische Gesellschaft und ihre Kultur Kraft schöpfen, da beide dem Wesen nach lediglich Nebenprodukte der revolutionären Bildung selbst waren? Im Zentrum — die Idee der Umwälzung, der Verneinung alles Gegebenen und sich Genügenden. Der neutestamentliche Geist des Urchristentums mit seiner Lehre: mein Reich ist nicht von dieser Welt, vermählte sich der revolutionären Ideologie. Selbst ein Mann, wie Wladimir Solowjow, der Philosoph der Neo-Slavophilen, hat dem Nihilismus der Revolution gefröhnt. Er hat es später auch erzählt: Er und sein Freund waren darin einig, das Gegebene müsse in der allernächsten Zukunft radikal zerstört werden, mit dem Unterschiede jedoch, daß der andere aus der Katastrophe ein Reich von Phalansterien entstehen sah, wo

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