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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
96 (sequence 7)
Language
German
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96 David Koigen: Selbst die Sprache des politischen Tuns — einer vornehmlich auf die Produktion der Macht gerichteten Tätigkeit — ist vom Geiste dieses eigentümlich russischen Bewußtseins getragen: Wir üben keine Gewalt aus, sondern tragen die Last der Regierung; die Kirche der Rechtgläubigkeit verzichtet darauf, um die Macht über die Welt zu kämpfen, sie ist eine Kirche der Gnade, und unsere Position als Großmacht ist uns von der historisch-geographischen Lage zwischen Asien und Europa aufgebürdet Selbst der Krieg ist nach der Meinung russischer Denker kein Streben, dem Feinde den eigenen Willen aufzuzwingen, sondern bedeutet vor allem einen religiösen Akt der Selbstaufopferung. Wie sollte nun im Hinblick auf eine solche Geistesrichtung sich das Bewußtsein der Niederlage einstellen? Die feindliche Kugel tötet wohl den Leib, verletzt die Ehre, ihr ist es jedoch nicht gegeben, den geistigen Hochmut, der nach keinem äußeren Titel und Würden fragt, zu treffen. — Ihnen ist wohl die Psychologie eines besiegten Volkes nicht vertraut, es ist ein schreckliches Leid, — äußerte ich gelegentlich einem russischen Schriftsteller gegenüber. — Hat nichts zu sagen, wir werden es schon bestehen — gab jener zur Antwort, Tolstoi kann uns doch niemand nehmen/4 Und gerade Tolstoi war es, der am deutlichsten diesen seelischen Hochmut offenbarte, er hat ihn denn auch als Mittel des' historischen Selbstschutzes aufgefaßt. ccWenn ihr aber der Regierung den Gehorsam versagt — wendet sich Tolstoi „an das Volk" — keine Steuern zahlt und keine Soldaten stellt, dann kommen fremde Völker und werden über euch herrschen. . . . Schenkt all diesem Gerede keinen Glauben. Richtet bloß das Leben so ein, daß Grund und Boden euch allen gehöre, stellt keine Soldaten und zahlt keine Abgaben, außer denen, die ihr freiwillig für eure öffentlichen Angelegenheiten zu entrichten geneigt seid, und im Frieden, mit Hilfe der Gemeinde schlichtet all eure Zwistigkeiten, — und die fremden Völker, indem sie Kenntnis von diesem euren guten Leben nehmen werden, werden es unterlassen, gegen euch in den Krieg zu ziehen; und wenn sie -es dennoch tun würden, so würden sie eure gute Art und Weise sich aneignen und anstatt mit euch im Krieg zu liegen, mit euch einen Bund schließen". Da haben Sie das wahre Gesicht der russischen Revolution, wie sie zuerst als Antwort auf die kriegerische Niederlage des Staates zur Aeußerung gelangte. Die Machthaber der Revolution schienen diese Sprache des volkstümlichen Selbstschutzes vollauf verstanden zu haben. Bald darauf bekam denn auch die Welt eines der interessanten Dokumente revolutionärer Diplomatenkunst zu lesen: wIm Namen des Rats der Volkskomissare bringt die Regierung der R. F. R. zur Kenntnis der Regierungen und Völker, sowohl derer, die sich mit uns im Kriegszustand befinden, wie der alliierten und neutralen Länder, daß, indem wir es ablehnen, einen Annexionsvertrag zu unterzeichnen, Rußland seinerseits den Zustand des Krieges mit Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Türkei und Bulgarien für beendet erklärt. Den allrussischen Armeen geht gleichzeitig ein Befehl zu, die Demobilisation auf allen Lienien der Front durchzuführen" —, was auch bekanntlich geschah.

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