Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 94 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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94 David Koigen: Malthus Konstruktionen von der Abnahme der Bodenschätze und der übermäßigen Zunahme der Bevölkerung hat dieser Vorgang nichts zu schaffen. Eine andere, keineswegs eine Naturmacht ist es, die diesen Weg der Wanderschaft den Armen wies. Der Staat, der die Kultur nicht autkommen ließ, der vornehmlich welthistorischen, imperialistischen Aspirationen mit Leib und Seele sich hingab, trägt die Schuld daran. Das Volk suchte dem Staate auszuweichen, befand sich fortwährend auf der Wanderschaft und erlangte noch keine eigentliche Sesshaftigkeit. Und der Staat lief dem Volke nach und stellte es jedesmal zur Rede. Damit fängt eigentlich der verborgene Gehalt des volk-staatlichen Dramas der russischen Geschichte an sich zu enthüllen. Abermals und abermals kam es zu mehr oder minder dauerhaften Begegnungen zwischen Volk und Staat, zwischen den Völkern und dem Staate, und zwischen uns Juden und der uns feindlich gesinnten Staatsobrigkeit. Im Weltkrieg währte die Begegnung am längsten. Zwanzig Millionen Menschen wurden unter die Flinte gestellt. Der Staat und das Volk hatten nun die Gelegenheit, einander ins Gesicht zu sehen. Die Geduld nahm ein Ende. Das Volk packte den feindlichen Staat fest am Kragen und es lief davon. Das Imperium krachte, der Fetisch wurde zu Boden gestreckt. Das Reich ging dem Zusammenbruch entgegen, das Volk führte selbst seine Demobilisation durch und ein neues Kapitel des Volksgewissens und des Volkswollens nahm seinen Anfang. Das „Ereignis," die Revolution war da und alle wunderten sich darob und hielten still inne. III. Verborgene Mächte. Es waren keine fröhlichen Tage, als der Staub sich zerstreute, den der Sturz des Kolosses aufwirbelte. Auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs ging der Kampf weiter und Rußland fühlte sich auf einmal sich selbst überlassen, außerhalb des europäischen Weltgefüges. Der Jubel, den das zeitgenössische Schrifttum anstimmte, darf nicht täuschen. Es ertönte keine eigene russische Marseillaise. Im Februar sang man noch: „Als Opfer fielen wir im harten Kampf" . . ., und schon im Oktober, als die eigentlichen Herren der Revolution, die Bolschewiki ans Ruder gelangten, sang man gar nicht mehr. Selbst die Karatajews, die der Front den Rücken kehrten und in Massen dem Osten zustrebten, vermochten sich eines innerlichen Unbehagens nicht zu erwehren. Mir persönlich hielt dann auch mancher unter ihnen entgegen: „Was schauen Sie mich so an? Wir sind keine Räuber. Warten Sie nur ab, wir werden alles wieder gutmachen. Nur etwas später, anders." Waren es Gewissensbisse, Angst um begangene Taten oder nur Neulingsfurcht? Als die politischen Parteien um die Macht kämpften, Resulutionen und Dekrete verfaßten und die Auflösung des Staates und der Gesellschaft beschleunigten, wurde in den Tiefen des Massenbewußtseins der Wille zu einem neuen Staat gezeugt. Ein starker Drang nach einer neugearteten Ordnung, nach einer neu zu gestaltenäen Autorität gab sich kund. Beide, das Volk und der Staat, wollten ihre Niederlage nicht eingestehen. Und mir wollte es scheinen, daß das Russentum schon