Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 93 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106467--4849-3106511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im Wirbel der Geschiehte 93 perialistischen Idee des Russentums; sie brachten es auch dahin, daß die Revolution sich nach ihrem Ebenbild gestaltete: primitiv, „orientalisch". Die entwickelten Völker wiesen dagegen die Tendenz auf, sich vom Mutterlande loßzusagen, eigne Wege aufzusuchen. Den russischen Staatspatrioten alten Schlages steht kaum das Recht zu, zu sein. Die Bolschewiki sind hier die Vollstrecker des traditionellen Willens mit dieser Lage der Dinge unzufrieden des alten allrussischen Staates. Ich bin jedoch noch nicht so weit. Die Revolution kommt später, nach dem Zusammenbruch, der den Krieg abgelöst hat. Wo bleibt der große Ungenannte, das eigentliche russische Volk, insofern es nicht vom Staate, von seinem Willen in Fesseln geschlagen wurde? Denn Staat und Volk, das Verhältnis beider sind die eigentlichen Helden des großen russischen Dramas, Der Staat assimilierte niedrige Rassen, eroberte Länder, zwang die Intelligenz des Volkes in seine Dienste zu treten und nahm endlich teil an der großen Völkerjagd von 1914. Und all dies tat er ad majorem gloriam der eigenen Geschichte, keineswegs aber im Hinblick auf das Volk, in dessen Interesse, Nicht die Natur, der enge Raum oder die Ueberbevölkerung war Schuld am Elend des Volkes. Für die Millionen der Karatajews war Grund und Boden genug im Russenreiche. Und wem es auf der väterlichen Scholle zu eng wurde, der konnte zum Wanderstab greifen. Wie er es auch tat, wenn es ihm geistig unbehaglich zumute wurde. Er verließ dann die „Mutter Kirche" und zauberte religiöse Sekten hervor. Mehr als zwanzig Millionen Sektierer hatte denn auch Rußland zu verzeichnen, sodaß mancher das „Ereignis" in der kommenden Reformation zu sehen sich befugt sah. Mehr als sechshunderttausend Menschen wanderten denn auch jährlich nach dem asiatischen Rußland. Seit langem fiel mir das unseßhafte Wesen des russischen Muschik auf. Ganze Völkerschaaren zogen nach Osten und Süden, bewegten sich in der Richtung nach dem Kaukasus, Schwarzen Meer und Turkestan, wanderten nach Sibirien aus. Die Radikalen, die Volkstümler („Narodniki") gerieten in Aufregung. Ihre Dichter und Wirtschaftstheoretiker hatte ein ideales Bild vom russischen Bauern konstruiert. Im Zentrum seines Bewußtseins wähnten sie den Willen der Erde, die „Macht der Erde" wahrzunehmen. In Wirklichkeit gab er sie leichter als irgend ein anderer Bauer des Erdballs auf. Selbst die berühmte russische Dorfgemeinschaft, die vom Staate zu fiskalischen Zwecken mißbraucht wurde, vermochte ihn nicht festzuhalten. Dem soziologisch Sehenden fiel etwas ganz anderes in die Augen: die stetige, unaufhörliche Wanderung: es wanderten die Bauern, es wanderten die Juden und Polen, die Litauer und Letten und selbst die Ukrainer und Weißrussen, die dem Blute und selbst der sprachlichen Verwandschaft nach in hohem Grade Russen sind, pflegten gar jenseits des Ozeans, in den amerikanischen Steppen festen Fuß zu fassen. Ein unglaubliches Schauspiel. Ein Land, das über alle Klimate, über den größten Naturreichtum und unermeßliche Bodenschätze verfügt, wo tausende und abertausende Quadratmeilen brach liegen — und Abwanderung! Es ist klar: mit des englischen Pfarrers