Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Im Wirbel der Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 92 (sequence 3)
- Language
- German
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92 David Kol gen: Staat lauter Erfolge zu verzeichnen. Während eines einzigen Jahrhunderts bereicherte er das Russenreich um Finnland, Kongreßpolen, Kaukasus, Turkestan, Bessarabien. Was kann man mehr von einem Imperium verlangen, warum schlägt das Herz so leise, woher diese gedämpfte Stimmung und das Warten, das ewige Warten auf das große Ereignis? Hier und da erscholl zwar eine mahnende Stimme: richtet euren Blick auf die Kirchen Moskaus, schenkt euer Gehör den wundersamen Glockentönen der „vierzigmal vierzig", seht Petersburg, hört ihr denn nicht den Marsch seiner Bataillone? Lauter wahrnehmbare greifbare Äusserungen des objektiven historischen Geistes, seines politischen Willens. Und diese von Macht und Glanz erklingende Stimme verlor sich irgendwo in der Leere, fand keinen Widerhall. Erst später, als das Ereignis sich nun einstellte und der Zusammenbruch das Reich' in seinen Fugen erschütterte, verstand ich die allgemeine Mißstimmung. Der Staat lebte allzu extensiv, wirkte sich in seiner Außentätigkeit aus. Um sich und die eroberten Provinzen zu verwalten, sah er sich genötigt, eine Riesenbureaukratie zu schaffen, eine gewaltige Armee zu unterhalten. Alles was leidlich begabt und gesund im Russenvolke war, mußte in den Dienst des Staates treten. Die Auslese des Volkes war derartig vom Staate in Anspruch genommen, daß kein genügendes Merischenmaterial übrig blieb, um die Aufgaben der Kultur zu erfüllen, um der zivilisatorischen Tätigkeit sich zu widmen. Die anderen, die sogenannten Fremdkörper mußten das besorgen. Die Gesellschaft, die Persönlichkeit, ihr eigenstes Tun und Schaffen kamen zu kurz, vermochten nicht eine Zentralmacht im Leben des russischen Reiches zu werden. Der Staat absorbierte die Kultur, ließ ihr keine genügenden Träger, keinen freien Raum übrig. Der Leviathan fraß beinahe alles auf, was von Begabung der russischen Gesellschaft zeugte. Seine Innenpolitik, diese ständige Vermählung mit niederen Rassen und Stämmen, hatte auch verhängnisvolle Folgen. Jetzt, wo die Revolution uns von manchem Vorurteil, auch von den Vorurteilen eines falsch verstandenen Radikalismus zu befreien gedenkt, darf ich es offen aussprechen, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Die innere Völkerpolitik litt am Überfluß an Demokratie. Die rassenmäßig und kulturell höher stehenden Völker, wie die Juden, Polen, Finnländer, Ukrainer, Letten, Litauen, alle Völker des Reiches mit national-kulturellen Zielen, die höher stehende Minorität der Völker brachte der Staat der niedrig stehenden Majorität zum Opfer. Auf Kosten der Verschlechterung der eigenen Rasse fröhnte der Staat diesem Demokratismus. Und gerade uns jüdischen Europäern gab ein Gott zu sagen, was wir unter dem Druck dieser Stammes- und Rassendemokratie zu leiden hatten. So sah der Staat aus, der infolge jener äußeren und inneren Situation seinem Schicksal entgegeneilte. In der Revolution, wie sie vom Bolschewismus geleitet wird, kam diese Erbschaft zum Vorschein. Die niedrig gearteten Rassen und Stämme strebten dem Russenstaate zu, 'hielten fest an der im-