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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 91

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Im Wirbel der Geschichte
Date
1921-01-01
Page
91 (sequence 2)
Language
German
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Im Wirbel der Geschichte 91 unterlag keinem Zweifel: in den Tiefen des Daseins schien sich etwas Großes vorzubereiten, was alle gleich treffen würde, treffen müßte. Das Russenvolk war mit einer eigenen, neuen Wahrheit schwanger, die auch gekommen wäre ohne den Weltkrieg. Ohne den Krieg trüge sie vielleicht ein anderes, nicht politisch-revolutionäres Antlitz zur Schau. Aber auch die Revolution, die den Krieg abgelöst hat, ist einer Offenbarung gleich und spricht sicherlich etwas aus, was tief auf dem Grunde der Seele ruht. Völker bekunden auf einmal ihr Genie auch im Kriege und in sonstigen kollektiven Erschütterungen und Ereignissen. Das Russenvolk blieb im Kriege stumm, es zeigte sich unbegabt Es brauchte einer wohl von innen heraus bestimmten Umwälzung, um auszusprechen, was lange im Verborgenen sich vorbereitete. . Im Westen scheint sich ein völlig umgekehrtes Ereignis abgespielt zu haben. Die Völker wirkten ihr gesamtes Wollen im Weltkriege aus. Auch dort ist es der Fall, wo dem Kriege der politische Zusammenbruch auf die Spur, folgte. Dieser Tatbestand gibt viel zu denken. Liegen nicht da die letzten Gründe des Mysteriums verankert, daß wir jetzt schon die große russische Revolution nennen? Allmählich geht ein Licht auf über den unbegabten Krieg des begabten Russenvolkes und über seine Revolution. Das Volk wollte und verstand nicht den Krieg, der vom Staate inszeniert wurde. Es versprach sich keinen Nutzen selbst von einem siegreichen Krieg. Und manches Mütterchen aus dem Volke sprach es in heiliger Einfalt aus: „Wozu der ganze Lärm und das Getöse! Der „Njemez", der Deutsche muß seine Kartoffeln auf den Dächern pflanzen. Soll er nur kommen. Wir haben Land genug." — Und dem eigenen Staat gegenüber, der sich berufen fühlte, endlich einmal die Sehnsucht der Slavophilen zu stillen und das Kreuz auf die heilige Sophia in Stambul zu setzen, für diesen Staat hatte das Volk nur ein feindliches Gefühl. Wir sind aus Wjatka, und wir aus Kasan, und diese dort aus dem Kaukasus oder Sibirien, unser Stammort ist unser Vaterland, ist groß und mächtig genug. Was ist das für ein Königreich Polen, Gaiizien, Preußen, wohin wir ziehen sollen? — So dachten und sprachen Millionen der Kazatajews und so dachte im Stillen mancher unter den Gebildeten. Kein Haß dem Feinde gegenüber, keine Liebe zum eigenen Staat. Staat und Volk lagen weit auseinander, und lediglich bei den Steuerabgaben, Dienstleistungen, im Strafwesen und in den Straf- und Kriegsexpeditionen kam es zu periodischen, nicht gerade freundlichen Begegnungen beider. Der Staat und seine Organe genossen keine Popularität selbst im Kreise der Gebildeten. Schon bei meinen ersten flüchtigen Besuchen in Petersburg machte mich dieser Mangel an Staatspatriotismus stutzig. Mir schwebte ein glänzendes Imperium vor, mit dem sich nur etwa das alte Rom messen könnte. In sich zusammengesunkene, verkümmerte Rassen und Völkerschichten, Baschkiren, Tataren, Kaukasier und hundert andere ganz verschollene Stämme richtete das Petersburger Imperium auf, suchte sie mit dem eigenen Russenvolke zu assimilieren. Und nach außen hin hatte dieser 7*

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