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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
89 (sequence 11)
Language
German
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Die Zünftigen und die Draußenstehenden 89 über jede Prüfung erhaben sind, Radikalismus auf vielen Gebieten, auch in der Politik. Anklagen, die deshalb gegen sie erhoben worden sind, sind die gleichen, die überall der Zünftige erhebt gegen den Aussenstehenden, den er nicht leiden mag, und den er doch nicht entbehren kann, gegen den Sonderbündler, dem doch auch der Bürger es mit zu verdanken hat, daß er nicht zum Spießbürger wird, und daß Gilde und Innung nicht erstarren. Diese Erscheinung wirft ein helles Licht auch auf die ostjüdische Wanderung unserer Tage und auf ihr Verhältnis zu den seßhafteren Juden des Westens. Denn auch der leichterbeschwingte Westjude ist konservativ und eingewurzelt gegenüber seinem ostjüdischen Bruder, der als ein völlig Fremder hierherkommt. Welch eine unglaubliche Beweglichkeit offenbart sich doch bei diesem! Er fühlt sich fremd und ist immer bereit, zu wandern. Mag er heute in Berlin wohnen, so kann er doch morgen schon auf dem Wege sein nach Jerusalem, nach Paris, nach New York. Bindungen iür das ganze Leben kennt er nicht leicht. Wie frei steht er seinem Berufe gegenüber! Menschen, die in Polen Schlosser waren, mögen heute Bergarbeiter sein, um morgen irgendwo anders Kaufleute zu werden. So seltsam uns dieser rasche Wechsel erscheint, so regelmäßig findet er sich bei allen, die in der Welt, in der sie sich gerade aufhalten, fremd sind. Es ist keine Eigentümlichkeit des Juden oder des Ostjuden. Marx hat im ersten Band des „Kapital" die denkwürdige Aeußerung eines französischen Arbeiters, der nach Kalifornien ausgewandert war, der Vergessenheit entrissen: „Ich hätte nie geglaubt, daß ich fähig wäre, alle die Gewerbe auszuüben, die ich in Kalifornien betrieben habe. Ich war fest überzeugt, daß ich außer zur Buchdruckerei zu nichts gut sei. . . Einmal in der Mitte dieser Welt von Abenteurern, welche ihr Handwerk leichter wechseln, als ihre Hemden, meiner Treu, ich tat, wie die andern. Da das Geschäft der Minenarbeit sich nicht einträglich genug auswies, verlieS ich es und zog in die Stadt, wo ich der Reihe nach Buchdrucker, Dachdecker, Bleigießer usw. wurde. Infolge dieser Erfahrung, zu allen Arbeiten tauglich zu sein, fühle ich mich weniger als Molluske und mehr als Mensch". Bis zu einem hohen Grade gilt dies auch von den Ostjuden, die wir täglich kennen lernen. Frei und ohne Vorurteil stehen sie dem gegenüber, was uns gewohnt und vertraut ist. So sind denn die Klagen, die auch von jüdischer Seite gegen die Ostjuden erhoben werden, ein Seitenstück zu jenen anderen, die von Seiten der „Autochthonen" gegen die Westjuden laut werden. Aber die Zeit bringt die Lösung dieser Nöte. Die Beere mag vom Wind umhergetrieben werden, der Same, den sie umschließt, schlägt Wurzel. Im Laufe der Jahre und gar der Generationen werden die Draußenstehenden, werden ihre Kinder selber zu Bürgern. Draußen zu stehen ist auf die Dauer ein schweres Schicksal, bei wenigen freier Wille, bei den meisten Not und Zwang. Aber der Fremde, den die Willkür ausgeschlossen hat oder das eigene Schicksal fern hält, mag sich trösten. Auch er darf seinen Stolz haben. Die Welt braucht auch ihn. Der Bereich der Wahrheit ist unendlich, und das Reich der Möglichkeiten ist Htft 2 -

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