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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
90 (sequence 12)
Language
German
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9° DavidKoigen: ohne Grenze. So umfassend ist kein Standpunkt, daß von ihm allein aus die ganze grenzenlose Wahrheit erschaut werden könnte. Immer sieht man von außen manches, was von innen unsichtbar bleibt. Soll sich die Welt ganz entfalten und alle Kräfte, die in sie gelegt sind, auch verwirklichen, dann brauchen die drinnen notwendig die, die draußen stehen. Das ist auch eine Lehre der jüdischen Geschichte. Eine göttliche Verkündigung erging an Abraham: Du sollst wissen, daß deine Kinder fremd werden in einem Lande, das ihnen nicht gehört. Diese Verheißung hat über uns viel Leid gebracht. Durch sie sind wir aber dennoch zu einem wichtigen Gliede in der Familie der Völker geworden. Der Einheimische kann sich nicht befreien von dem Zauberbann der gesellschaftlichen Mächte, in deren Kreis er aufgewachsen ist. Ohne den Außenstehenden, den Hergelaufenen, den Unzünftigen könnte der Bürger zum Spießbürger werden. Am Eingang unserer Geschichte steht Abraham, das Urbild und Symbol unseres Schicksals. Wäre er in Ur-Kasdim geblieben, es wäre nichts anderes aus ihm geworden, als was auch seine Väter waren, ein vornehmer Babylonier. Der Vater einer neuen Zukunft wäre er nicht geworden. Eine geheimnisvolle, tröstliche Vorwegnahme unserer ganzen Zukunft bis auf diesen Tag ist darum jenes Gebot, mit dem sie einst in einer fernen Vergangenheit anhob, jener göttliche Befehl an Abraham: Gehe du allein weg aus deinem Lande und aus deinem Geburtsort und aus deinem Vatershause in das Land, das ich dir zeigen werde. DAVID KOIGEN / IM WIRBEL DER GESCHICHTE (Lose TageluchlJätter) IL Der Zusammenbruch. Schon bei meinen vielfachen Besuchen in Rußland — lange vor dem Weltkriege — in den Gesprächen mit Leuten verschiedener Stände fiel es mir auf und versetzte mich denn auch in großes Staunen: alle gingen ihren Geschäften nach, verrichteten ihren Lebensberuf und gaben sich dem Genüsse hin, liebten und haßten, strebten und breiteten ein vielverschlungenes Netz von Intrigen aus, kurzum, gebärdeten sich, wie es eben Menschenart ist, und alle schienen sie dabei noch etwas tief in der Seele zu verbergen, was mehr wog, als all das, was wir Leben nennen. Mein Gefühl täuschte mich nicht. All den Leuten, die ich zu sehen bekam, vom hohen Staatsbeamten bis zum Droschkenkutscher und einfachen Muschik, ihnen allen war ihr Lebensgeschäft nie Selbstzweck, alle waren sie innerlich bereit, Titel und Würde, Hab und Gut im Nu preiszugeben. Das allerwichtigste Ereignis schien irgendwo anders vor sich zu gehen. Alles wartete auf das Ereignis, auf die Offenbarung des Russenvolkes. Keiner wagte es laut auszusprechen, allein eine jegliche Menschenseele hatte Kenntnis davon genommen. Es

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