Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Zünftigen und die Draußenstehenden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 88 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Max Eschelbacher; geistigen und gesellschaftlichen Seßhaftigkeit geworden, wenn ihn das Geschick nicht ständig aus der Bahn der natürlichen Beharrung abgelenkt und seinem Wege eine andere Richtung gegeben hätte. Denn von Anfang an ist der Jude halb freiwillig, halb gezwungen, ein Wanderer gewesen, und wie ein Symbol für die Zukunft steht einer, der aus seiner Heimat in ein fremdes Land zog, am Eingang zu unserer Geschichte, Abraham, der erste der Stammväter. Verfolgungen haben -uns über die ganze Erde getrieben. Oft wurden unsere Väter von vornherein nur auf Widerruf autgenommen. Wo ihnen aber die Verfügung des Rechts eine bleibende Heimstätte einräumte, trennte sie doch die Umwelt mit ihrem Haß und ihrer Gewalt von dem Baume, an dem sie festwachsen wollten, und riß ihre Wurzeln aus dem Erdreich heraus, an das sie sich gerne geklammert hätten. Wir erleben diese Gewalt äußerer Mächte auch heute wieder in unserer nächsten Nähe. Kurze Zeit noch, und das einst so blühende Judentum in Posen hat aufgehört. Nicht aus Lust an der Veränderung verlassen diese seßhaften Menschen ihre Heimat, sondern sie gehen, weil sie unmöglich bleiben können. Auch in den Berufen, die den Menschen an den Boden und an eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung binden, konnte sich der Jude schwer einbürgern. So war es in der Vergangenheit, und in der Gegenwart ist es nicht viel leichter. So wahr es ist, daß im Tiefsten der Mensch selber sein Schicksal bestimmt, und daß, nach dem Worte des Talmud, dieses ihn den Weg führt, den er nach seinem innersten Drange gehen will, so wahr ist es auch, daß dieser innerste Drang selber durch äußere Gewalten und Fügungen geleitet, beeinflußt und auch beirrt und gebrochen wird. Die Juden erhielten ihren Platz außerhalb der Zunft, wenn noch der große Friedrich in seinem General-Privilegium im Jahre 1750 „ernstlich setzte, ordnete und wollte: Daß kein Jude ein bürgerlich Handwerk treiben, noch außer . . . Krätzwaschen und anderen dergleichen Gewerbe, wovon sich keine Professionsverwandte und privilegierte Zünfte finden, sich anmaßen solle". Heute noch finden junge Juden, die Landwirte werden wollen, die größten Schwierigkeiten bei vielen Bauern und Gutsbesitzern. Sie werden oft heimgeschickt, weil man Juden nicht brauchen könne. Trotz des besten Willens und ausgezeichneter Leistungen ist mancher an dieser Klippe schon gescheitert und hat sich resigniert einem der herkömmlichen Berufe zugewendet. Aus allen Gebieten des Lebens ließen sich die Belege dafür häufen, daß man die Juden außerhalb der bürgerlichen Welt gestellt hat. Da ist es nur selbstverständlich, daß sie draußen standen und bis zu einem gewissen Grade auch jetzt noch draußen stehen. Das bedeutet aber, daß sie von den geschichtlichen Schranken des bürgerlichen Lebens leicht mehr gelöst sein können, als ihre Umgebung, und daß sie dann in der Tat und mit dem Gemüt sich zu dieser verhalten können, wie der Outsider ilim Zünftigen. Aus diesem Gesichtspunkt erklären sich viele Eigentümlichkeiten der gewordenen jüdischen Art in Europa, die große Empfänglichkeit für das Neue, ein Mangel an Ehrfurcht gegenüber Traditionen, in denen sie nicht erzogen worden sind, der Geist der Prüfung gegenüber Ideen, die anderen