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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
87 (sequence 9)
Language
German
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Die Zünftigen und die Draußenstehenden 87 anderen Volkes, und es ist schwer zu sagen, zu welcher Gruppe die Juden^ heit mehr gehört. Starke konservative Kräfte walten im jüdischen Wesen, ein tiefes Verlangen nach einer Heimat im Räume und im Geiste, nach Stetigkeit, nach Ordnung und fester Sitte, nach einer tief eingeprägten und heilig gehaltenen, Vorfahren ünd Enkel verbindenden Lebensanschauung, Wir brauchen nur auf unser eigenes Herz zu horchen. Den sachlichen Beleg dafür aber bietet die jüdische Geschichte. Diese Treue gegenüber dem geistigen Erbe der Väter begegnet uns nicht mehr zum zweiten Mal. Verleugnet von der einen Geheration tritt sie in der nächsten wieder stark hervor, wie die jüngsten Strömungen in der jüdischen Jugend es uns heute wieder offenbaren. Der Schwur der Verbannten „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, versage meine Rechte" ist in den Jahrtausenden, seitdem er geleistet worden ist, nicht zu einem leeren Worte geworden. In langen Epochen hat auch bei uns die Schule, die Ueberlieferung gewaltsam und ausschließlich geherrscht und alles ausgeschlossen, was nicht in den geschlossenen Kreis ihrer Gedanken gehörte. Der Talmud rühmt hervorragenden Vertretern der Tradition nach, sie hätten nie ein Wort gesprochen, das sie nicht von ihren Lehrern gehört hätten. In manchen Zeiten hat dieser Geist der Beschränkung auf das Gegebene das ganze Volk durchdrungen, die Freude an den ererbten, freiwillig und freudig innegehaltenen Schranken. Wir gedachten oben der Jahrhunderte, in denen sich das beginnende rabbinische Judentum und der Hellenismus durchdrangen. Später aber kamen auch andere Zeiten, in denen man nach dem Bericht des Talmud den verwünschte, der seine Kinder Griechisch lernen ließ. Abneigung gegen fremde, nichtjüdische Bildung war dann bis an die Schwelle der neuen Zeit in weiten jüdischen Kreisen heimisch, und die frühen Vertreter einer modernen, nicht ausschließlich jüdischen und talmudischen Bildung hatten schwer zu kämpfen. Denken wir nur an Erscheinungen wie Wessely oder Krochmal! Auch das soziale Leben des Juden zeigt starke Züge einer ausgeprägten Bürgerlichkeit. Der große Respekt vor dem „Jichus", vor der Herkunft aus einer hervorragenden Familie, die eifrige Fürsorge für die wirtschaftliche Sicherung, die Behutsamkeit, mit der die Ehen geschlossen werden, alle diese Merkmale kennzeichnen den ruhigen Geist, der, allem Schweifen abhold, sich wohlfühlt auf den gebahnten Wegen, in den Schranken der Sitte und der Ordnung, in dem umgrenzten Bezirk des ererbten geistigen und gesellschaftlichen Lebens. Scharfe Beobachter haben gerade das iür den Grundzug des Judentums gehalten. „Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu willen sein: diese Tafel der Ueberwindung hängte ein anderes Volk über sich auf und wurde mächtig und ewig damit", das ist das Bild des Judentums bei Nietzsche. Und als Novalis einmal „witzige Vermischungen" zusammenstellte, so Kindheit und Weisheit, Räuberei und Edelmut, Tugend und Hetärie, da setzte er an die Spitze dieser Kontraste: Jude und Kosmopolit. Vielleicht wäre der Jude das ausgeprägte Vorbild der räumlichen,

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