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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
86 (sequence 8)
Language
German
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86 Max Eschelbacher: Ordnung und Sicherheit, die sie auf den abgezirkelten Wegen ihres ein für allemal festbestimmten Lebens fanden. Die reichen und eingesessenen Bürger müssen es manchmal erfahren, daß ihre Kinder darnach begehren, unterzutauchen und die bürgerliche Welt hinter sich zu lassen. Welch ein Kummer für einen solchen Vater, wenn ihn sein eigener Sohn als „moneymaker" verhöhnt, um selber freier Gelehrter oder Gärtner oder Bauer zu werden! Bei den Draußenstehenden aber ist es nicht anders. Auch in der Einsamkeit fühlt sich keiner auf die Dauer wohl, sondern er verlangt nach Anschluß und nach Anerkennung, er will aufgehen in der bürgerlichen Welt, die ihm verschlossen ist oder die er verlassen hat. Es ist eben , so schwer, anders zu sein, als die überwiegende Mehrheit, und draußen zu stehen. »Ich habe nicht die Kraft, einen Bart zu tragen und mir Judenmauschel nachrufen zu lassen" schrieb Heinrich Heine, ehe er die Taufe nahm. Große Massenbewegungen fließen aus dem Wunsche, „zu sein, wie die Völker", aus der Sehnsucht nach der Gemeinschaft. In der restlosen Assimilation moderner Juden verrät sich die Angst, keine Heimat zu besitzen oder die angeborene zu verlieren. Auch manche merkwürdige „Bekehrung" geht auf dieses Heimweh zurück, das bei manchem sich spät einstellt. So dachte Heine in seinen letzten Jahren gerne an das verlassene Judentum zurück, nachdem er lange genug'^bei den Epikuräern die Schweine gehütet". Und in entfremdeten und fernstehenden Menschen herrschen oft Empfindungen, die keiner dort vermutet. Ein solcher, der die ganze Erde kennen gelernt hatte, ließ sich einmal die Synagoge zeigen. Er sagte nichts, als das eine Wort: Ganz zu Hause fühlt man sich doch nur im Gotteshaus. Sein ganzes Leben und Treiben erschien als ein einziger Widerspruch zu diesem Gedanken, und doch hatte er' auch mit ihm ein innerstes Gefühl ausgesprochen. Auch die Masse der Draußenstehenden kann also ein großer Quell sein, aus dem sich in der kommenden Generation die Eingeborenen und die Bürger ergänzen und erfrischen. Die Kinder und Enkel der Fremden und Zugewanderten aber sind selber zu Eingewurzelten und vielleicht selbst zu Zünftigen geworden, wenn der Samen im Inneren der Beere da, wo diese zufällig hingeraten ist, Wurzel geschlagen hat und so selbst zu einem Baume geworden ist. Nicht nur für den Wechsel von Armut und Reichtum, für den es ursprünglich geprägt ist, sondern auch für die Aufeinanderfolge der Geschlechter gilt dann das schöne Bild des Talmud, daß die Welt einem Brunnen gleicht, daß der leere Eimer voll und der volle leer wird. 'Wir sind bisher den Betrachtungen über die Gebundenen und die Losgelösten, die Zünftigen und die Draußenstehenden, die Seßhaften und die Schweifenden ganz allgemein nachgegangen. Von dem besonderen Problem, wie sich diese beiden großen Gegensätze in dem Schicksal der Juden und des Judentums in Vergangenheit und Gegenwart wiederspiegeln, haben wir nur beiläufig gesprochen. Und doch beherrschen sie unsere Geschichte und unser Wesen so gut, wie die Geschichte und das Wesen irgend eines

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