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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
85 (sequence 7)
Language
German
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Die Zünftigen und die Draußenstehenden 85 umgehen, und für den Fall, daß ihm das Geld ausging, hatte er seine kleine Geige bei sich, mit der er in den Wirtschaften aufspielte. Dort wurden also Kinder sorgsam vor jeder zweifelhaften Lage behütet, hier wurden sie, gewiß nicht gern, aber eben unter dem Drange der Not, einfach in das Leben mit allen seinen Schwierigkeiten hineingeführt, sie mußten ihren Weg finden, und sie fanden ihn. Denn im Wasser lernt einer bald schwimmen. Ist es aber ein Wunder, wenn solche Kinder nachher als Männer selbständig, rührig, gewandt und reich an Erfindung sind? Die Erfahrung ist alt. Ein bekanntes hebräisches Sprichwort sagt, wer seinen Ort verändere, verändere seinen Stern. Von der astrologischen Anschauung, die zu Grunde liegt, können wir absehen, denn die Tatsache, die zu dem Worte den Anstoß gegeben hat, ist auf alle. Fälle eine oft wiederholte Erfahrung. Wer an einen anderen Ort zieht, erringt sich mit einem Male eine neue Freiheit. Nach einer tajmudischen Erzählung hält Hillel einem verschämten und heruntergekommenen Armen ein Reitpferd, denn sein Unglück soll nicht bekannt werden, und sein einstiger Stand legt ihm jetzt noch Pflichten auf, er muß auch in seinem Elend noch standesgemäß leben. In der Fremde dagegen darf er nach dem drastischen Wort der Rabbinen einem gefallenen Tier auf der Straße die Haut abziehen und sich dafür bezahlen lassen und braucht nicht zu sagen, er sei ein Priester oder ein vornehmer Mann^^id die Sache sei unter seiner Würde. Und darum kommt der Fremde vorwärts. Dafür bildeten schon in der Antike die Juden der Diaspora ein Beispiel. Die neueren Forschungen über sie faßt Elbogen so zusammen: „Die Zerstreuung der Juden über die Welt hatte bereits Jahrhunderte vor der Zerstörung ihres Staatswesens eingesetzt. In allen Mittelmeerländern hatten sie Fuß gefaßt. Viele hatten als Söldner oder Kriegsgefangene die Fremde kennen gelernt, viele waren freiwillig ausgewandert, hatten das Gewerbe des Kaufmanns ergriffen und damit auch die Beweglichkeit des Händlers angenommen, ^eine ausgebreitete Diaspora, die das Mutterland an Menge und Glanz weit übertraf." Wir haben bis jetzt die Zünftigen und die Draußenstehenden als zwei grundverschiedene Klassen bestrachtet, die einander feindlich gegenüberstehen. Das ist aber eine Uebertreibung. Denn ein Kreislauf herrscht in der Welt, und die beiden Schichten gehen in einander über. Ein tiefer Drang nach Freiheit lebt auch in der Brust des ruhigen Bürgers und macht sich Luft, oft auffallend, oft auch in normalen Formen. In manchem regt sich spät der Abenteurer. * Er reißt sich dann aus seinen gesicherten, ruhigen Verhältnissen los und geht hinaus in fremde, unbekannte Welten. Gelegentlich verschwinden angesehene Bürger spurlos, um nach einem Jahre wieder aufzutauchen. Sie sind inzwischen um die Erde gereist oder haben, der Welt entrückt, an einem abgeschiedenen Orte gelebt. Von den Habsburgern hat mancher seinen Anrechten auf die Zugehörigkeit zu dieser vornehmen Familie entsagt, ein bürgerliches Mädchen geheiratet und einen bürgerlichen Namen angenommen, um nachher, wie der einstige Erzherzog Johann, als ein Johann Orth zu verschwinden. Sie hatten keine Freude mehr an Ruhe,

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