Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Zünftigen und die Draußenstehenden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 84 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Max Eschelbacher: ist nicht eingesessen, hat keine Verwandte, keine Bekannte, keine Standesgenossen, er kämpft seinen Kampf als ein Einzelner und nicht in Reihen und schlägt sich auf eigene Faust durch. Daraus mag es sich erklären, daß er auch der Verfassung der Gesellschaft ungebunden gegenübersteht, und dies führt zu einer eigentümlichen Erscheinung. Führer des Volkes und Leiter der öffentlichen Meinung sind in bewegten Zeiten selten die amtlich Berufenen, die hohen Beamten, oft aber unbekannte Menschen, von denen niemand wußte, die als Außenstehende zur Führung gelangten. Der größte Führer Frankreichs war kein Franzose, sondern ein Korse, der sein Leben lang schlecht französisch gesprochen haben soll. Und als vor hundert Jahren Preußen zusammenbrach, da war der Mann, der es wieder aufrichtete, der Freiherr von Stein, kein Preuße, sondern ein Nassauer. Der Fremde ist kein offizieller Mann, aber die offizielle Welt ist auch nicht die einzige. Damit mag die auffallende Tatsache zusammenhängen, daß der Draußenstehende im wirtschaftlichen Kampfe so gute Aussichten hat. Er gelangt oft an die Spitze, während der Einheimische oft zurückbleibt, obgleich er anscheinend einen so großen Vorsprung besitzt. Mit großem Recht und tiefem Sinn gebraucht die deutsche Sprache die Worte „fortkommen" und „zurückbleiben" in einem doppelten Sinne, räumlich und sozial. „Fortkommen" bedeutet weggehen und zugleich Glück haben. Und es ist auch wirklich so, daß viele, die weggehen, Glück haben und fortkommen. Alte Familien, die Jahrhunderte lang an einem Orte wohnten, haben sich in ihrem Glänze dort erhalten, wo sie große Grundbesitzer geworden sind, wie die Nachkommen des einstigen großen Kaufmannshauses der Fugger. Andere aber sind nicht nur räumlich, sondern auch in jeder anderen Beziehung zurückgeblieben. Belege dafür liefert in Menge die Familiengeschichte einer jeden Stadt, ja selbst einer jüdischen Gemeinde, obgleich hier die durch Jahrhunderte eingesessenen Geschlechter selten sind und die Beweglichkeit von vornherein größer ist. Wie diese bodenständigen Familien herunterkommen und von neuen, hergelaufenen ersetzt werden ist ein Lieblingsproblem der modernen Romandichtung (Jettchen Gebert, Die Buddenbrooks). Sie bleiben eben gerne im gleichen Geleise und bringen nicht so leicht die Elastizität auf, die von dem Fremden ohne weiteres gefordert wird, wenn er nicht untergehen soll. Der Fremde steht ohne Schutz da und muß sich selber helfen. Weil er es schwer hat, muß er seine Kräfte mehr entwickeln und kann dadurch leicht der Stärkere und der Lebenstüchtigere werden. Der Eingeborene aber wird vor der Not des Lebens viel sorgsamer behütet. Besorgte Eltern entschuldigten einmal ihre Kinder, sie könnten sie nicht zum Unterricht schicken, weil die Straßen so belebt seien, und beim Ein- und Aussteigen auf der Elektrischen ein Unglück passieren könnte. Während wir noch darüber verhandelten, öffnete sich die Türe, und ein kleiner Junge aus Polen trat ein, 14 Jahre alt, auf der Durchreise zu seinem Vater nach Paris. Er war genau über alle Eisenbahnverbindungen unterrichtet und wußte, was er beim Uebergang über die Grenze zu tun hatte. Mit seinem Gepäck konnte er tadellos