Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
82 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106466--4836-3106500
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

82 Max Esche Ibacher: dert zum ersten Male in ihrer ganzen Bedeutung die Tatsache erfaßte, daß der Pentateuch von Gott an verschiedenen Stellen verschiedene Namen, Adpnai und Elohim, gebraucht und der für diese lange vorher schon bemerkte, aber nicht genügend gewürdigte Erscheinung die einleuchtende und folgenreiche Deutung fand. Nicht ein zünftiger Archäologe, sondern ein Teehändler, Schliemann, hat Troja ausgegraben, nicht ein Physiker, sondern ein praktischer Arzt, Robert Mayer, das Gesetz von der Erhaltung der Energie gefunden, und ein anderer Mediziner, Helmholtz, hat es streng mathematisch begründet. Woher kommt diese eigentümliche Fügung? Wie können Autodidakten einen Schatz auf einem Gebiete finden, das sie gar nicht ordentlich kennen gelernt haben? Es gibt dafür nur eine Erklärung: weil sie es nicht ordentlich kennen gelernt haben. Die Schule hat zwei Gesichter. Sie lehrt das Bewährte und zweifellos Gute, und darin liegt ihr größter Segen. Auf der anderen Seite aber schließt sie eben dadurch die Gedanken aus, die nicht anerkannt sind und die im Augenblick unzweifelhaft als irrig gelten. Und dadurch kann sie gefährlich werden. Die Erziehung-in einer bestimmten Tradition bewahrt, erhält und vermittelt alle die Schätze der Ueberlieferung. Was aber darüber hinausliegt, wehrt sie ab, und dadurch macht sie es dem Schüler schwer, die ganze Wahrheit kennen zu lernen. Dann sind die glücklich, die keine Erziehung genossen haben. Zwar haben sie die Schätze der Vergangenheit nicht geerbt, aber dafür haben sie auch den freien Blick nicht verloren. Sie sehen, was den anderen im Banne ihrer Ueberlieferung entgeht. Je weniger sie Altes zu hüten haben, destomehr können sie Neues suchen. Vor dem Fachmann liegt immer eine bestimmte geordnete und fest abgegrenzte Welt, vor dem Fremden und darum Unbefangenen aber neben der geltenden Wirklichkeit die schrankenlose Weite der Möglichkeiten. Vielleicht ist das der tiefere Sinn der alten jüdischen Erkenntnis, daß die Thora nicht im Wege des Erbgangs erworben wird. Von der Gewohnheit wird ein jeder beherrscht. Keiner kann sich von ihr losmachen und niemand soll es. Aber in diesem allgemeinen Rahmen gibt es eben doch Menschen, die tiefer in sie verstrickt sind, und andere, die ihr in höherem Grade entwachsen sind. Auf diesem ganzen Gebiete handelt es sich ja überall um ein Mehr oder Weniger und nirgends um völlige Gegensätze. Welch ein außerordentliche Gewalt sie über uns ausübt, zeigt eine einfache Erfahrung, die jeder an sich selber machen kann. In den beiden ersten Wochen jedes Jahres schreibt man immer noch unwillkürlich die Ziffer des vergangenen nieder, weil die Gewohnheit von 365 Tagen eben den Ablauf des Jahres überdauert Diese harmlose Erfahrung wiederholt sich aber auf wichtigeren Gebieten. Die Gedanken der Individuen, aber auch der Völker, ja, ganzer Epochen laufen ihre bestimmte Bahn, und in einer begreiflichen Täuschung hält jeder für natürlich und notwendig, was gerade bei ihm und in seiner Welt herrscht. Ein schwäbisches Mädchen von der Enz kam nach Berlin und nannte hier lange die Spree Enz. Keine Gegen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.