Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Zünftigen und die Draußenstehenden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 80 (sequence 2)
- Language
- German
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8o Max Eschelbach er: Sie kämpfen oft wütend gegeneinander, und die Geschichte der Gesellschaft ist mit ihren Streitigkeiten ausgefüllt. Der Arzt kann den Kurpfuscher nicht leiden, und der strenge Wissenschaftler nicht den Dilettanten mit seinen wilden Einfällen, der zünftige Meister nicht den Ungeprüften, den er Pfuscher nennt, der Bourgeois nicht den Bohemien und umgekehrt. Und dennoch sind alle diese Gegensätze notwendig, wenn die Menschheit vorwärts rücken soll, und sie alle haben ihre wichtige Aufgabe zu erfüllen. Auf dem ruhigen Bürgertum, auf den Zünftigen, auf den Fachmännern, ja selbst auf der Karikatur dieser Kreise, den Philistern, ruht eine der beiden unentbehrlichen Voraussetzungen des Fortschritts. Sie bewahren, was sich bewährt hat, und erhalten ihm sein Bürgerrecht. Sie verkörpern in ihrem Wesen und in ihrer Lebensführung die sicheren Errungenschaften der Vergangenheit und legen dadurch das Fundament, auf dem Gegenwart und Zukunft weiterschreiten können. Wären sie nicht, diese beharrenden, ruhigen Vertreter des Bewährten, die Menschheit müßte immer von neuem, von vorn anfangen, und das eben Erreichte würde ihr gleich wieder 'entschwinden. Sie sorgen aber zugleich auch für die andere jener beiden Voraussetzungen des Fortschritts und schaffen Neues für Gegenwart und Zukunft. Wie viel vorwärtsdrängende Kraft ist doch in ihnen! Auch für das Neue und noch Unbekannte bieten Schule und Tradition reiche Möglichkeiten. Aber hier brauchen sie noch Helfer aus anderen Kreisen. Da kann die Welt auch jene Anderen nicht entbehren, die Draußenstehenden, die Fremden, die Beweglicheren, die weniger Traditionen haben, die ihre eigenen Wege gehen und auf eigene Faust versuchen, Narren oder Weise zu sein. Eine merkwürdige anregende Kraft ist von diesen ausgegangen, während viele der anerkannten Meister doch mehr die Hüter des Erworbenen, als die Schatzgräber nach dem Neuen gewesen sind. Denken wir an das große Gebiet der Religion! Hier gibt es Institutionen und Stände, die von Amtswegen berufen sind, Religion zu pflegen und zu verkünden. Auch unter den beamteten Priestern kann der religiöse Genius leben, der für eine ferne Zukunft noch ein neues Licht entzündet. In der Geschichte des Judentums brauchen wir nur an Jeremia und an Ezechiel zu erinnern, die großen Propheten, die nach ihrer Herkunft Priester gewesen sind. Aber viele der Großen sind auch von außen gekommen und haben ohne Zusammenhang mit der Tradition der Geschichte einen neuen Antrieb gegeben. Der früheste der Propheten, deren Reden uns schriftlich überliefert sind, Arnos, hatte einen schweren Zusammenstoß zu Bethel, im israelitischen Nordreiche, mit dem amtlich bestellten Hohenpriester, der dem Unberufenen das Wort verbieten wollte. Im Streit mit ihm sagt Arnos, woher er kommt: Ich bin kein Prophet, noch eines Propheten Sohn, sondern ein Rinderhirt und Feigenzüchter. Aber der Ewige holte mich von der Hürde weg und sprach zu mir: Gehe hin und weissage über mein Volk Israel! Unser großer Prophet Arnos gehörte also nicht zu der amtlichen, der anerkannten Welt der Religion, er wird von dieser vielmehr als ein Unberufener zurückgewiesen. Ihn, den