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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Die Zünftigen und die Draußenstehenden
Date
1921-01-01
Page
79 (sequence 1)
Language
German
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Max Bsehelbaeher: Die Zünftigen und die Drauflenstehenden 79 MAX ESCHELBACHER / DIE ZÜNFTIGEN UND DIE DRA USSENSTEHENDEN Esrach heißt im Hebräischen der Zweig, der aus dem Baume herauswächst, aus ihm seine Lebenskraft zieht und für ihn Blüten und Früchte trägt. Das Wort hat auch eine soziale Bedeutung gewonnen. „Esrach", Zweig, wird im Hebräischen eine ganze Klasse von Menschen genannt, jene,, die mit einem Lande, mit einem Stand, mit einer sozialen Welt dauernd verwachsen sind, die Einheimischen. Im Deutschen heißen sie die Bodenständigen. In beiden Sprachen bietet also das Leben der Planze das Symbol für die wurzelfesten Bürger. Und aus dem Leben der Pflanze stammt auch das Bild für ihr Gegenteil. Vom wurzellosen Individuum spricht die deutsche Sprache. Im Hebräischen aber heißt der Fremdling „Ger"* Ein witziger Mann, ich glaube, Samson Raphael Hirsch, hat für dieses Wort eine Ableitung gegeben, die philologisch freilich falsch ist und den Spott der Wissenschaft herausfordert Er bringt es in Zusammengang mit „Gargir", mit der Beere. Ein geistreiches Wortspiel! Die Beere ist losgelöst von ihrem Stamm, und der Wind kann sie überall hintreiben. So geht es auch dem Fremdling. Zwei Kreise schneiden sich überall, auf allen Gebieten des Lebens. Die meisten haben das Glück, daß sie leben dürfen, wie der Zweig am Baum. Sie verbringen ihr ganzes Dasein in dem Lande oder gar an der Stätte ihrer Geburt und können sprechen wie die Sunamiterin vor dem Propheten Elisa: Ich wohne unter meinem Volke. Ihre Tage verstreichen immer unter den gleichen Nachbarn und Freunden. Ihr Tun und Lassen wird ihnen von den Sitten ihrer Heimat vorgeschrieben. Sie gehen ihren geregelten Weg, besuchen die ordentlichen Schulen, ergreifen die Berufe, die in ihren Kreisen üblich sind und verraten in ihrem ganzen Wesen den Zustand ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft. Räumlich in ihrer Heimat, geistig in ihrer sozialen Welt, sind sie immer zu Hause. Andere aber sind losgelöst von einem bestimmten Lande und nicht gebunden an eine einzige gesellschaftliche Welt. Feste Bande sind von vornherein nicht geknüpft oder nachträglich durchschnitten, oft durch ein äußeres Schicksal, manchmal auch durch eine ursprüngliche Anlage ihres Wesens. Sie müssen wandern und verbringen ihr Leben in vielen Städten und Ländern. Wo sie sich aber aufhalten, stehen sie außerhalb der Gesellschaft Sie gelten ihr mehr oder weniger als fremd und teilen nicht die Anschauungen, die in ihr gelten. Sie haben nicht die gleichen Schulen besucht, wie die Autochthonen, und haben keinen Zusammenhang mit deren Vergangenheit. Und auch in ihren Berufen nehmen sie eine Sonderstellung ein. Nicht nur räumlich, sondern auch geistig treten sich diese beiden Klassen in vielen Abstufungen auf vielen verschiedenen Gebieten entgegen. Der Bürger und der Fremde, der Zünftige und der Outsider, der Fachmann und der Dilettant, überall sehen wir, im Räume und im Geiste, die beiden Gruppen des Gebundenen und des Schweifenden, des Bodenständigen und des Hergelaufenen, des Schulgerechten und des Eigenbrödlers.

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