Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101178-3106465--4830-3106495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland 77 ansteckender Krankheiten zu unterbinden. Es ist bemerkenswert, daß es gelungen ist, die bei den Einwanderern häufig auftretenden Hautkrankheiten völlig zu beseitigen. Eine persönliche Einwirkung auf die ostjüdische Bevölkerung wird immer, wenn sie richtig betrieben wird, Erfolg haben, da ganz zweifellos die Anpassungsfähigkeit des Ostjuden in keiner Weise geringer ist, als die seiner westjüdischen Stammesgenossen. Eine Wohlfahrtspflege, wie sie etwa für die deutsche Bevölkerung, auch für die deutsch-jüdische Bevölkerung möglich ist, ist naturgemäß durch die starke Fluktuation der ostjüdischen Bevölkerung, Binnenwanderung, Ab- und Rückwanderung, sehr erschwert. Sie ist aber ferner besonders schwierig dadurch, daß geeignete Helfer, geeignete Pfleger fehlen. Besondere Verhältnisse, die von der deutschen Umwelt verschiedenen Lebensbedingungen, die anders gearteten kulturellen Forderungen der Ostjuden, wie z. B. ihre geringen Ansprüche an die Behaglichkeit ihrer Wohnräume, die freilich oft zu einer starken Vernachlässigung derselben führen, all das sind Momente, die eine richtige Wohlfahrtspflege zweifellos erschweren, erschweren vor allem deswegen, weil Menschen, die einerseits Verständnis für die Psyche der Ostjuden haben, andererseits aber auch gewillt sind, moderne Forderungen der Hygiene u. s. w. durchzuführen, selten sind. An dieser Stelle mag bemerkt werden, daß die vorstehenden Darstellungen es absichtlich vermeiden, im einzelnen auf die Arbeit hinzuweisen, die von den jüdischen Hilfsorganisationen in sozialpolitischer und wohlfahrtspflegerischer Hinsicht da geleistet worden ist Hier handelt es sich darum, vor allen Dingen das Problem in großen Zügen aufzuweisen und die bestehenden Schwierigkeiten darzulegen. Fasst man kurz die Probleme der Sozialpolitik und der Wohlfahrtspflege in Deutschland zusammen, so wird man etwa auf folgende Thesen kommen: /i. Eine Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland muß gleichzeitig sein eine wahrhaft jüdische Politik. Sie muß ganz bewußt Einfluß nehmen auf die Gesetzgebung, insbesondere auf die Ausländergesetzgebung und das Arbeitsrecht, ein Ziel, das nur erreicht werden kann durch Zusammenfassung möglichst der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit. 2. Demgemäß ist in weiterer Ausführung dieser Politik die Verwaltungspraxis der unteren Behörden dauernd zu überwachen. Entsprechendes Ueberwachungsorganisationen für rechtliche Hilfe sind notwendig und zu schaffen. 3. Eine fruchtbare Wohlfahrtspflege muß sozialpolitisch betrieben werden, d. h. kann keine Philanthropie bleiben, sondern muß Arbeitsbeschaffung, also Produktivierung bedeuten. 4. Ergänzend muß die private Fürsorge hinzutreten, die die Einzelfürsorge in dem notwendigen Maße ausbaut. ) Ein solches Programm ist naturgemäß nur durchführbar, wenn die deutsche Judenheit restlos für seine Verwirklichung eintritt. Es ist undurchführbar, wenn erhebliche Teile der deutschen Judenheit sich diesem Werk entziehen, und zwar undurchführbar sowohl vom finanziellen als auch vom politischen Standpunkt aus.