Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 Werner Senator: beschränkt zur Verfügung stehenden Mittel eine möglichst produktive Verwendung des doch schließlich dem Nationalvermögen entnommenen Kapitals erfordern. In allererster Linie nun besteht die Produktivierung selbstverständlich in der Beschaffung von Arbeit Eine solche Arbeitsbeschaffung kann erfolgen entweder durch Arbeitsvermittlung innerhalb des deutschen Arbeitsmarktes, sei es bei deutschen oder auch bei jüdischen Arbeitgebern, oder sie kann erfolgen durch Arbeitsbeschaffung für selbständige Handwerker oder Gewerbetreibende. Die Versuche nun, die in dieser letzten Hinsicht gemacht worden sind, haben, so sehr sie im einzelnen gute und überraschende Erfolge gezeitigt haben, klar erwiesen, daß eine Lösung des Problems am diese Weise und für die Kreise, für die überhaupt eine Sozialpolitik getrieben werden muß, in irgendwie erheblichem Maße nicht in Betracht kommt. Die außerordentlich erheblichen Summen, die notwendig sind, um« durch Gewährung von Produktivkrediten an Einzelne oder an Genossenschaften selbstständige Handwerker oder Gewerbetreibende zu schaffen, sind auf die Dauer und vor allen Dingen in dem erförderlichen Maßstabe nicht aufzubringen. Hingegen ist es möglich, das hat'sich gezeigt, mit relativ geringen Mitteln die wahrscheinlich ^sogar geringer sein dürften, als die Kosten der deutschen Arbeitsvermittlung, sehr zahlreiche Ostjuden als Arbeiter in Deutschland unterzubringen. Sehr problematisch ist ferner auch eine Frage, die im Interesse einer fortschreitenden Produktivierung der ostjüdischen Bevölkerung außerordentlich wichtig ist: die Frage der Berufsumschichtung. Aus den verschiedensten Gründen stößt die Beschäftigung jüdischer Lehrlinge, jüdischer schlecht ausgebildeter Handwerker, wie sie zum größten Teil aus dem Osten kommen, bei wirklich gut ausgebildeten deutschen Handwerkern auf große Schwierigkeiten. Antisemitismus, die Notwendigkeit der Sabbatfreiheit usw. zwingen oft dazu, die Beschränkung auf die wenigen, bereits typisch „jüdischen Berufe" aufrecht zu erhalten. Immerhin unterliegt es keinem Zweifel, daß viel getan werden kann und letzten Endes, gleichgültig, wie der zahlenmäßige Erfolg im Augenblick ist, getan werden muß. Den Übergang von der eigentlichen Sozialpolitik zur Wohlfahrtspflege bilden wohl die großen Gebiete der Beherbergung und der ärztlichen und hygienischen Fürsorge. Die Schwierigkeiten, die heute durch die Wohnungsnot, den Mangel an Arbeiterwohnungen insbesondere in Deutschland bestehen, wachsen ins Ungeheure. Sie treffen naturgemäß in erster Linie wiederum den ausländischen, insbesondere den jüdischen Arbeiter, und darum hat eine jüdische Sozialpolitik schon vom politischen Standpunkt aus, daß ein in der Tat manchmal zutreffender Vorwurf der Belegung von Wohnungen durch Ostjuden beseitigt wird, alle Ursache, dafür zu sorgen, daß Wohnmöglichkeiten, soweit irgend angängig, für ostjüdische Arbeiter , geschaffen werden. Auch die hygienischen Verhältnisse der Einwanderer sind zum größten Teil bei ihrer Einwanderung nach Deutschland außerordentlich trübe gewesen. Hier war und ist es ein Gebot einer nationalen Sozialpolitik, unbedingt für Abhilfe zu sorgen, insbesondere Einschleppung und Ausbreitung