Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 78 (sequence 6)
- Language
- German
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78 Werner Senator: Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland 1 Die deutsche Judenheit sollte sich bewußt sein, daß das, was sich heute in sehr weiten Kreisen immer noch unbemerkt vor ihren Augen abspielt, das Schicksal der Ostjuden in Deutschland, nur ein Teil jenes allgemeinen Judenschicksals ist, das heute aus „Ostjuden" „Westjuden" und morgen den „Westjuden" zum heimatlosen Flüchtling macht, der in der Welt herumirrt, um bei seinen jüdischen Brüdern Hilfe zu suchend Die ungarische Judenheit, die nationalen Magyaren jüdischen Glaubens, haben vielleicht am schrecklichsten erfahren, wie wenig gerade Assimilation hilft, tiefe Gegensätze von Volk zu Volk zu überwinden. Das Ostjudenproblem in Deutschland aber ist gleichzeitig auch ein kleiner Teil jenes großen Jahrtausende alten Wanderungsproblems, das für das jüdische Volk seit der Vertreibung aus Erez Israel besteht. Zu allen Zeiten sind die jüdischen Massen von den Ländern, wo sie Wohnsitze zu finden geglaubt hatten, weitergewandert, ohne je ein Einwanderungsland zu finden, das die Lösung des Wanderungsproblems bringen konnte. Denn dieses Wanderungsproblem ist auf lange Zeit hinaus unlösbar. Der jüdische Wanderer, staatenlos, ohne den Rückhalt einer Macht, die sich ganz für ihn einsetzt, ist auch seiner ökonomischen Struktur nach ein Element, für das ein Immigrationsland schwer zu finden ist. Die typischen Berufe der jüdischen Masse sind auch heute noch Kleinhandwerk und Kleinhandel. Und es ist eine ökonomische Notwendigkeit, daß also im allgemeinen — naturgemäß gibt es Ausnahmen — Einwanderungsländer für Juden nur solche Länder sein können, die einerseits von der Stufe des reinen Agrarlandes sich bereits entfernen, aber andererseits noch nicht hochkapitalistisch entwickelt sind. Für Länder im Uebergang zwischen diesen beiden Stadien ist die jüdische Einwanderung brauchbar. Die Zahl der Länder aber, die in diesem Stadium sich befindet, verringert sich jedoch dauernd. Der Wille zur wirtschaftlichen Autarkie wird in großen Komplexen immer größer, und so verringert sich automatisch die Zahl der für jüdische Einwanderung in Betracht kommenden Länder. Diese und ähnliche Zusammenhänge hat Herzl durchaus-richtig gesehen. Was er nicht gesehen hat, was jeder wahre Zionist heute verpflichtet ist, klar zu erkennen, ist, daß auch Palästina nicht die Lösung der Judenfrage oder auch nur eines großen Teils des Problems der jüdischen Wanderung für die nächste absehbare Zeit sein kann. Auch Palästina bedeutet nur eine ganz geringe, heute noch verschwindend kleine Linderung. Eine größere ist einzig möglichdurch systematische, planmäßige Produktivierung der jüdischen Masse. Diese Produktivierung muß in allen Ländern, wo Industrieproletariat und jüdisches Proletariat vorhanden ist, planmäßig in die Wege geleitet werden, und in dieser Richtung muß auch eine wahre Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege für die Ostjuden in Deutschland wirken.