Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 75 (sequence 3)
- Language
- German
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Sozialpolitik für die Ostjuden In Deutschland 75 Wie mußte und muß nun eine solche Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland aussehen? Boten die Tatsachen die Möglichkeit, etwa hier in Deutschland eine einigermaßen autarke jüdische, nationaljüdische Wirtschaft aufzubauen, diese Wirtschaft räumlich und sachlich von der umgebenden deutschen Wirtschaft zu trennen, wie es vielleicht vom Standpunkt einer jüdischriationalen Sozialpolitik, die Zentren des jüdischen Lebens schaffen will, wünschenswert erscheint? Es hat sich herausgestellt, daß ein solches Vorgehen in der Praxis völlig unmöglich ist. Die jüdische Arbeiterschaft in Deutschland kann ohne die engste Verbindung mit der Wirtschaft des Wirtsvolkes, ohne die. engste Verbindung mit der deutschen Arbeiterschaft in Deutschland nicht existieren. Die jüdischen Arbeiter müssen in die~Lücken des deutschen Arbeitsmarktes einspringen. Sie müssen oft unter den schwierigsten Verhältnissen als ganz Einzelne unter Hunderten und Tausenden deutscher Arbeiter arbeiten, und diese Vereinzelung, dieses Eindringen in die Lücken des Arbeitsmarktes ermöglicht überhaupt erst sehr oft dem jüdischen - Arbeiter seine Existenz. Daß dem so ist, ist vom nationalen Standpunkt aus zweifellos außerordentlich zu bedauern. Denn naturgemäß unterliegt der einzelne jüdische Arbeiter, der gezwungen ist, inmitten einer fremden wirtschaftlichen Umgebung, inmitten einer fremden kulturellen Umgebung zu leben, rascher der Assimilation, ja, mehr noch, da die Assimilation mit seinen ökonomischen Vorteilen im Einklang steht, wird er sie oft wollen, und wollen müssen. Trotzdem hat eine jüdische Sozialpolitik in Deutschland, die zunächst einmal das Leben des ostjüdischen Arbeiters erhalten will, keine andere Möglichkeit, als den jüdischen Arbeiter in engster Verbindung mit dem deutschen Arbeiter in die deutsche Volkswirtschaft einzugliedern. Wenn Politik die Kunst des Möglichen ist, so ist die jüdische Sozialpolitik ganz gewiß eine solche Kunst des Möglichen, und wie bei unseren anormalen Existenzbedingungen alle jüdische Politik immer nur eine Politik auf kurze Sicht, um wenigstens das Leben zu bewahren, sein kann, so kann auch eine jüdische Sozialpolitik in Deutschland zunächst nichts weiter erreichen, als solche Erhaltung eben dieses materiellen Lebens des jüdischen Arbeiters, der ohne diese Sozialpolitik dem Hungertode und der völligen Verelendung rettungslos preisgegeben wäre. Es mag hier erinnert werden an ein Wort Achad Haams: daß das jüdische Volk den Willen zu seiner Existenz nicht von Bedingungen abhängig machen kann, daß es den Willen hat, unter jeder Bedingung zu leben, und daß wir, wenn wir die nationale Existenz des jüdischen Volkes wollen, vor der Alternative völligen Untergangs und der Erhaltung des Körpers dieses Volkes im Grunde genommen gar keine Wahl haben, sondern verpflichtet sind, diesen Körper aufrecht zu erhalten, aus dem sich einmal ein geistiges nationales Leben wieder entwickeln wird. Wie nun hat sich in der Praxis eine Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland zu gestalten? Es ist evident, daß das Grundprinzip einer solchen Sozialpolitik die Produktivierung der eingewanderten jüdischen Masse sein muß, und es versteht sich von selbst, daß die in jedem Fall doch nur ganz 6*