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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Sozialpolitik für die Ostjuden in Deutschland
Date
1921-01-01
Page
74 (sequence 2)
Language
German
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74 Werner Senator: wurde -der Idee der Schaffung eines Zustandes, der die Rechtlosigkeit des Ausländers in Deutschland auihebt, nur dann war es möglich, Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege für die Ostjuden in Deutschland zu treiben. Weitgehende Unterschiede sind also hier von vornherein etwa beim Vergleich mit einer Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege für die deutsche Judenheit vorhanden. Aber auch die ostjüdische Masse selbst, das Objekt dieser Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege, unterscheidet sich wesentlich von der westjüdischen Bevölkerung, Bei den ostjüdischen Einwanderern handelt es sich zum großen Teil um fluktuierende, nicht seßhafte Massen und Menschen, anderer, nicht etwa niedrerer Kultur, als die westjüdische Bevölkerung im allgemeinen hat, Menschen, denen moderne europäische Begriffe der Hygiene fehlen, deren soziale Schichtung fast immer, deren religiöse Gerichtetheit wenigstens oft eine ganz andere ist, als die der deutschen Juden. Es handelt sich um eine zahlenmäßig sehr viel bedeutendere Masse, als für sie die Wohlfahrtspflege der deutschen Juden überhaupt in Betracht kommt. An dieser Stelle wird eine kurze Geschichte der neueren Ostjudeneinwanderung in Deutschland notwendig sein. Zum ersten Mal sind geschlossene größere Ostjudenmassen während des Krieges nach Deutschland gekommen, und zwar waren das die zum größten Teil zwangsweise nach Deutschland deportierten jüdischen Arbeiter aus Polen, die auf Grund des sogenannten „Hindenburg-Programms" zur Arbeit in der deutschen Kriegsindustrie nach Deutschland deportiert wurden. Späterhin nach Kriegsende, als die wirtschaftliche Lage in Polen sich ungeheuer verschlechterte, als die Pogrome ausbrachen, kamen weiterhin einige tausend Flüchtlinge über die Grenze. Endlich ergoß sich der Strom der . Amerikawanderer, der_ im Jahre 1920 sehr stark war, durch Deutschland, so daß hier eine gewisse Zeit lang eine Stauung der ostjüdischen Wanderung eintrat. Diese Stauung ist seit langer Zeit beseitigt, es ist eine ständige Fluktuation der ostjüdischen Durchwanderer zu verzeichnen. Die politischen Verhältnisse, die allgemeine Erschwerung der Wanderung haben dazu geführt, daß insbesondere die sogenannten Staatenlosen oft nicht weiterwandern konnten, so daß in Deutschland eine neu hinzugewanderte ostjüdische Bevölkerung von rund 55—60000 Seelan verbleibt. Eine jüdische Sozialpolitik, die an die Lösung der durch die Einwanderung geschaffenen Probleme herangehen will, mußte dahin wirken, die notwendigen Institutionen zu schaffen, um politisch-konsularischen Schutz, Arbeitsbeschaffung und soziale Hilfe für die Ostjuden in Deutschland in die Wege zu leiten. Es wurde, nachdem sich die deutsche Judenheit zu dieser ostjüdischen Sozialpolitik entschlossen hatte, das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands und das jüdische Arbeitsamt geschaffen, die sich mit ihren Nebenstellen über das ganze Reich ausbreiteten. Im Arbeiterfürsorgeamt sowie im Arbeitsamt und den Arbeiterfürsorgestellen wurden die politisch-konsularische Tätigkeit, die Arbeitsbeschaffung und die soziale Fürsorge für die ostjüdischen Arbeiter zentralisiert

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