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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Lyrik der Kabbala?
Date
1920-01-01
Page
68 (sequence 14)
Language
German
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68 Umschau: Literaturgeschichte setzer ist keinerlei Ideologie zuzubilligen, wie sie für das der Mystiker selbst vor manchen Texten freilich gegeben werden kann. Es sind nicht alle Geister gleichberechtigt. Auf das Einzelne solcher Uebersetzungsfehler einzugehen, erübrigt sich hier. Sie . sind übrigens in Wieners Theorie Immanent zugestanden und das Ganze ist ja zu schwankend gebaut, als daß die Nachbesserung im Kleinen Sinn hätte. Es seien aber einige Bemerkungen noch den weitberühmten „Tischliedern" Isaak Lurjas gewidmet, unstreitig den klassischen Repräsentanten streng kabbalistischer Hymnik. Man darf sagen, daß die Kabbalisten des 17. Jahrhunderts sich auch nicht gerade sehr einig Über die symbolische Einzelerklärung vieler Stellen in ihnen waren, was man gern begreift; zu handgreiflichem Unsinn geben diese Differenzen, die nur an zwei oder drei Stellen die Wortbedeutung betreffen, aber niemandem das Recht. Der erste, der sich in Deutschland, mit diesen Hymnen blamiert hat, war Julius Fürst in seinem Jugendwerk „Perlenschnüre aramäischer Gnomen und Lieder" von 1836, und jetzt lassen sie die Ergeizigen nimmer ruhen. Wiener hat seinem Buche einen sehr schlechten Dienst erwiesen, als er die Reinheit seines dichterischen Gefühles ebenso wie die Güte seiner aramäischen Sprachkenntnisse in diesen Uebersetzungen, die wahrlich alle „Freiheiten der Nachdichtung" enthalten, so bedenklich blosstellte. Es ist Wiener gut bekannt, daß „zur inhaltlichen Erklärung eines einzigen lurjanischen Liedes eine ganze Abhandlung, (deren es auch gibt) nötig wäre,*)" da ihm aber als Aufgabe vorschwebte, diese Worte „mit dem wörtlichen Bildwert, womöglich in Verbindung mit dem ädaquaten Gefühlswert" zu übersetzen, ließ er Isaak Lurja und Israel Saruk, .den Löwen und seinen Jünger, fahren und begab sich in die mageren Arme Julius Fürsts. Die Sekte derer, die auch nicht aramäisch können, *) Es ist vielleicht, da sich viele für diese berühmten Lieder interessieren, von Nutzen, einige dieser „Abhandlungen" auch zu nennen, von denen mindestens die erste autoritativen Anspruch erheben muß. Es sind der „Ne'im semiroth jisrael" des Israel Saruk, eines bedeutenden, unmittelbaren Schülers Lurjas (seit 1767 oft gedruckt), der Kommentar „Minchath Jakob" in den Tikkune Schabbath und der im ersten Teil des (wohl mit Unrecht als sabbatianisch verketzerten) schönen Sammelwerkes Chemdath jamim. Vor allem freilich bietet den besten und eigentlichen Kommentar eine gründliche Kenntnis der Tikkune Sohar, welchen, da sie den Kabbalisten als allerhelligster Text oft auswendig geläufig waren, ganze Passus der Gedichte entnommen sind. ist weit verbreitet, und die Tikkune-Sohar gehören auch nicht zu den Büchern, die ein Fürst oder ein moderner Uebersetzer bei der Vorbereitung der ihrigen studiert haben und so nimmt das Unheil seinen Gang. Der Dichter dürfte das Wörterbuch, das die „Grammatiker" so fleißig benutzen sollen, an einer Stelle autgeschlagen haben, wo es versagt, nämlich auf Seite 127 des Fürstschen Buches, wo man die Erklärung, für einige der ungeheuerlichsten Uebersetzungen Wieners in Fürsts skandalösen Worterklärungen findet, denen Wiener jene wörtlichen Bildwerte verdankt, nach deren Herkunft sich der Leser staunend fragt. Weil also Fürst, eine den verrufenen „Grammatikern" zwar als wertlos bekannte, aber handliche Scheinautorität, der keinen Schimmer von kabbalistischer Sprache hatte, die Tikkune-Sohar auch nicht gelesen hat, und daher über mehrere Stellen Unsinn, und was für welchen, zusammenphantasiert und -etymologisiert, der keinem Kabbalisten in den Sinn gekommen ist, läßt der Dichter sich gerne inspirieren, und der Verpflichtung zur Kenntnis seines Stoffes scheinbar enthoben, schreibt er seinen Vorgänger ab, statt ihn stillschweigend zu korrigieren. Es möchte hier die These wahrscheinlich gemacht sein, der ich in Sachen der Philologen zuneige, daß nämlich die Echten unter diesen Wilden doch die besseren Menschen sind. In ihrer Art ist. freilich die Uebersetzung so wirkungsvoll wie der Urtext in seiner. Denn so sehr die Wirkung des Aramäischen dort erhaben ist, so sehr ist die des Deutschen hier heiter. Die Feldesblumen flüstern nicht verwegen und die Hüllen der Geiferhunde könnten sich doch als ihr eigentliches Wesen enthüllen, der Heiligste treibt keine Neckenspiele und wer die Myrthenbüschel der mystischen Verlobung für Leckerbissen im Teller hält und die Brautführer dabei Reptilien und Haie — Walfische und Haifische haben es unsern mystischen Backfischen angetan — totschlagen läßt, der hat wahrlich das Seine zur Beförderung der höllischen Theologie des Expressionismus getan, dem der höchste König nur wahrlich schwer verletzt erfaßbar wird. Die Kabbala, Leser, glaube nicht! Die Meinung, daß bei so schwierigen Gebieten nicht auch eine zugleich wissenschaftlich zuverlässige Uebersetzung, die vielmehr im Namen des Erlebnisses zu verdrängen hier als notwendig erklärt wird, bei einem ersten Schritt am tiefsten dringen konnte, verwirft Wiener. Wohin die Zügellosigkeit der „Intuition" aber führt, ist im Vorhergehenden angedeutet. Ich bekenne, daß ich die „Erschütterung, welche die Dichter jener Hymnen und Gebete heimgesucht hat", einzig und allein durch eine wahrhaft wörtliche Uebertragung erreichbar

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