Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 67 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101177-3106368--4813-3106452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau: Literaturgeschichte 67 finden. _Daß ein Uebersetzer mit Wieners Aspirationen den Mut und die Möglichkeit hat, eine Anschauung, deren flagrante und extreme Unmöglichkeit in einer jüdischen Schrift von größter Deutlichkeit sein müßte, und von der im Urtext natürlich keine Silbe und auch kein „Erlebnis" zu finden ist, sich inspirieren zu lassen und dann auch wirklich in seinen Taumelbecher der Kabbala, der nicht mit mystischem Wein gefüllt ist, einzumischen, von wo aus er demnächst als Lehre der Kabbala von irgend einem Schwachkopf entdeckt, herausgezogen und verherrlicht werden wird, wenn er es noch nicht ist, das bezeichnet aufs grellste die Stufe, auf die der Leser dieses Buches im Namen der Kabbala gezogen werden soll. Hiermit freilich ist keine Versöhnung möglich. Ein solcher Geist ist auch in den metaphysischen Ebenen kein KDÖO 121 mehr, und so wenig wie er eine „Ssemicha" hat, soll man sich auf ihn stützen. Wer den einfachsten Zeilen, von komplizierteren zu schweigen, solche Intuitionen entnehmen kann, — und der, auf die hier exemplifiziert wird, entsprechen viele, viele andere, die die Kabbala zu einem grausigen Witz erniedrigen und auf die in diesem Aufsatz an manchen Stellen leiser hinzudeuten hoffentlich genügen wird! — dessen Kriterien für das wahre Leben eines Schriftwerkes müssen unbrauchbar sein, und welche Zeile soll der erschreckte Leser seinem „Führer" noch glauben? Nein, Gott ist so wenig aufgeblüht, obwohl der der Expressionisten das beim Wienerschen Lonsano behaupten muß, wie seine Emanation bei Maimin sich „ohne Zwischenfall" vollzieht, der durch solche Behauptungen freilich erst geschaffen wird. Ich will es rund heraus gestehen: Ich glaube diesem Dichter seine Dichtung nicht. Er läßt sich zu gerne inspirieren, und achtet weder Sachlichkeit noch Rhetorik in ihren rechten Grenzen, Es hat auch keinen Sinn, die Beispiele in eingehender Untersuchung bis zur Ermüdung zu häufen, denn jeder Einzelfall läßt sich durch die Ideologie der Nachdichtung, die ja mitunter nicht einmal „Wort für Wort", „Satz für Satz" übertragen, sondern „aus dem Eindruck des Ganzen heraus neu geschrieben" wurde, schützen. Wo sollte man da füglich anders als im Prinzipiellen ansetzen? Man hat als eine hohe Gattung in der Dichtung die „Paraphrase", . in der ein Gedicht in einem andern umschrieben wird und sich dabei in ein grunsätzlich Neues wandelt. Die Paraphrase aber ist keine Uebertragung, so wenig wie ein Targum scheni eine „Uebersetzung« von Esther ist. Hätte Wiener gerade die spezifisch mystischen und kabbalistischen'1 Dichtungen als Paraphrasen unter der Verantwortung eigener Autorschaft herausgegebenes wäre grundsätzlich nichts dagegen zu sagen gewesen und sie unterlägen den Kriterien der Uebersetzung nicht, wären vielmehr einfach schlechte Gedichte, in diesem Buch aber stellen sie, genau genommen, eine Subreption dar, die entweder Wiener oder die Kabbala kompromittiert, und leider kann nicht jeder gleich wissen, wie er hier zu v/ählen hat. „In den Gebeten wurde vor allem jener Sinn berücksichtigt, der am lautesten zu uns spricht und am meisten unserem Wesen entgegenkommt; in dieser Beziehung wurde keinerlei Objektivität erstrebt". Das ist unverständlich oder aber falsch. In der Tat, in der festen Gestalt des Gebetes ist ein Lebendiges enthalten, das sich dem Betende n in wechselnder Weise darbietet, d. h.: der Betende hat ein tiefes Recht, das Gebet, das für ihn geschaffen ist, auch auf sich zu beziehen, und wirklich ist eben hier ein Medium gegeben, in dem das „Objektive" und „Subjektive" sich begegnen. Immer bleibt die Korrelation des Beters zum Gebet dafür wesentlich. Ist aber Wiener der Betende? Hier liegt eine genaue Grenzüberschreitung im Geistigen vor, deren Erkenntnis mit hilft, die bodenlose Ideologie dieser Uebersetzung zu überwinden. Nur wo der Betende sich mit dem Gebet „identifiziert", wo beide in einer ursprünglichen religiösen Einheit erscheinen, ist solches Recht vorhanden. Wiener aber nimmt als Dichter oder als Uebersetzer oder als beides zugleich jenes Recht des Betenden in Anspruch, das ihm nicht zusteht In einer leidenschaftlichen und sehr richtigen Auseinandersetzung (S. 24) wehrt Wiener sich dagegen, über Stock und Stein sich mit seinem Gegenstand identifiziert zu sehen. Ausdrücklich stellt er sich damit aber außerhalb jener Ordnung, in der das, was er nachher beansprucht, erlaubt ist. Und noch eines: dieser Sinn, der den Betenden objektiv, den Uebersetzer nur noch subjektiv anspricht, ist mit der Gewalt des Symbols an den Wortlaut, die primäre Gegebenheit des Gebetes gebunden. Die Selbständigkeitserklärung des Symbolischen in einer Uebersetzung, jenseits von einem nicht übersetzten Wortsinn der dies Symbolische erst aussendet, ist eine unbegründbare Gewaltsamkeit. Auch der Betende nämlich würde den Text, sollte er ihn übersetzen, in der kanonischen Form wiederzugeben suchen. Man darf das Symbol vernachlässigen, um zum Text zu kommen, daß man aber den Text vernachlässigen dürfe, um zum Symbol zu kommen, daß es ohne ihn gar nicht gibt, ist keinesfalls erlaubt. Und daß zudem jener willkürlich verselbständigte Sinn, das „Remes" im Gebete gleichsam, tatsächlich nicht etwa gar hur auf Mißverständnis beruht, über diese Bemerkung ist Wieners Uebersetzung auch nicht durchaus erhaben! Und dem mangelnden Verständnis oder Miß Verständnis derUeber- 5*