Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 69 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Philosophie 69 glaube. Natürlich ist nicht jeder, der wörtlich übersetzt, auch ein guter Uebersetzer, aber wenn irgend eine nicht lügnerische, den Geist der Zeiten ehrende und ehrfurchtsvolle Art der Uebersetzung bei Texten, die dem Mißverstand und der Ablenkung in ein fremdes Erlebnis so leicht ausgesetzt sind, wie die religiösen, gedacht werden kann, so ist es in der Tat diese, die den Zeiten zutraut ihren lebendigen Ausdruck von sich aus besser haben bestimmen zu können, als wir es vermögen, die seine medialen Zusammenhänge freilich eher zu erkennen imstande sind. Der selbstverständliche Verzicht auf Symbolik in der Uebersetzung erzeugt, rein angewandt, selbst eine in einem tiefer verwandten Sinne symbolische Sphäre in der Uebersetzung, als sie sich in den Methoden der Willkür erschließt. Und ist der Strahl unseres heimatlichen Quells beschränkt, wollen wir den künftigen Generationen die Enge unseres Erbes nicht lügnerisch erweitern, woraus kein Segen kommen kann, und unser eigenes Werk mag jenes unserer Vorfahren beschämen und seine schaffende Größe aus sich selbst erweisen. Im Medium der Uebersetzung ist keiner zur Kritik berufen, und wer die Schalen dieses Erbes abstreifen zu können vermeint, es zu erlösen sich unterfangen will, der legitimiere die Scheidung von Schale und Kern glaubwürdiger als es in diesem Buch geschieht, in dem die wörtlichst übersetzten Stücke die einzig leuchtenden geblieben sind. Ich glaube schon, daß tiefe Philologie eine echte mystische Funktion haben kann, wenn sie die Verwandeiung der Zeiten in ihrer Arbeit befördert, begleitet und beschwört, und daß die würdige Ueberlieferung des Gutes der Geschlechter, über dessen Positivität oder Negativität ja schließlich nicht die Weltgeschichte, sondern das Weltgericht urteilen wird, vielleicht eine tiefere Beziehung zu einer Kabbala involviert, die nicht ganz ohne Grund „Ueberlieferung" heißt, als sie der Willkür der Taumelnden gelingt. Gerhard Scholem. PHILOSOPHIE Gnade und Freiheit (Bemerkungen zum Buche Felix Weltschs *)). Weltsch beginnt seine Ausführungen mit der zwar gemeinhin bekannten, aber selten in ihrer erschütternden Bedeutung durchgefühlten Wahrheit: daß das Wissen sich nicht selbst beweisen kann. Diese Wahrheit offenbart sich in mehrfachen Formen. Schon ehe *) Felix Weltsch, Gnade und Freiheit. Untersuchungen zum Problem des schöpferischen Willens in Religion und Ethik. München, Kurt Wolff 1920. wir daran gehen, die Wirklichkeit mit unserer Erkenntnis zu ergreifen, noch solange wir eingeschlossen sind in rein formale, analytische Erkenntnis, hängen unsere Wahrheiten „in der Luft". Die ersten Axiome, aus denen nachher alles folgt, sind nicht beweisbar. Die Mathematiker, welche in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts diese Tatsache für sich neu entdeckten (denn die Philosophen wußten stets um sie), glaubten ehrlich sein und bekennen zu müssen, daß die ersten Annahmen, auf denen unsere ganze Wissenschaft beruht, willkürliche, bloße Definitionen sind. Und sie gingen noch einen Schritt weiter, indem sie versuchten, eine andere Mathematik aufzubauen, die auf anderen Definitionen, andern „Axiomen" ruht. So. entstand die nichteuklidische Geometrie. Aber hier zeigt es sich, daß „unbeweisbar" noch nicht heißt „willkürlich". Denn während sich gewisse Grundsätze der Mathematik tatsächlich aufgeben lassen — wie zum Beispiel das Parallelenaxiom, das besagt, daß zwei Parallelen sich nicht schneiden — und während sich so diese Grundsätze tatsächlich als Definitionen erweisen, lassen sich andere Sätze nicht aufheben, und wer auf sie verzichten will, verzichtet nicht auf eine bestimmte Art von Wissenschaft, sondern auf Wissenschaft Üb erhaupt. Dahin gehört der Satz des Widerspruchs, denn am Sich-nicht-widersprechen messen wir schließlich alle diese Ketten von Axiomen und Folgerungen. Nun ist der Satz des Widerspruchs nicht beweisbar. Daß wir ihn für wahr halten, ist unsere freie Entscheidung Noch deutlicher wird dies, wenn wir versuchen, mit unserer Erkenntnis die W i r k 1 i c h - kelt zu ergreifen. Hier müssen v/ir voraussetzen, daß Wirklichkeit und Erkenntnis einander entsprechen. Dies „ist gleichsam der Minimal glaube, der in einem jeden Glauben enthalten ist" (Weltsch, S. 10). Dieser Glaube aber ist unbeweisbar. Seine Unbeweisbarkeit brachte Hume zur Verzweiflung. Kant — der Subjektivist Kant (es gibt ja mehrere Kant) — versuchte auch noch diesen Minimalglauben zu beweisen, und da er es objektiv nicht konnte, glaubte er, dieses Minimum als Ausdruck unserer subjektiven Organisation sichern zu können. Cohen erkannte die Unbeweisbarkeit dieses Minimums in ihrer ganzen Schärfe und gab ihr den Charakter der Hypothesis, der Grundlegung. „So geht alle geistige zusammenhängende Tätigkeit vor sich. Es wird Grund gelegt, auf diesem Grund gebaut, dann, wenn sich der Boden nicht mehr als tragfähig erweist, das Ganze wieder zerstört, und nur eine Strecke tiefer von neuem und gründlicher die Basis gesetzt. Das ist die Vorwärtsbewegung des Geistes. So ist menschliches Denken und Wollen ein ewiger, immer neuer Versuch, im* mer tiefer grabend, immer tragfähigeren Grund zu schaffen". (Weltsch S. 11). Aber wie wir