Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 66 (sequence 12)
- Language
- German
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66 Umschau: Literaturgeschichte Es scheint, man darf es schon einmal deutlich sagen, ein allgemein moderner Sport zu sein, gegen diese verknöcherten traditionslosen Hallunken, die aber auch wieder in ihren „lexikalischen" Traditionen verkalkt sind — man hat da, philologisch gesprochen, zwei Lesarten (Rezensionen!) zur Wahl — vom Leder zu ziehen. Diese neigen nämlich der scheinbar unmystischen Auffassung zu, daß einen Text zu verstehen mitunter schwieriger und jedenfalls eine weittragendere Pflicht sei, als ihn zu erleben. Für den nach Wiener „fast gegenstandslosen Ethuslasmus der Chassidim** fiel solches Erleben etwa gar nicht schwer. Daß bei der Wiederheraufbringung unseres Besitzes man bescheiden mit seinem Verständnis beginnen sollte, das schließlich auch in allerhand schaurige Tiefen reichen kann, ist das allen, die sich nicht sicher fühlen, bedenklich dünkende Dogma der Philologen, gegen welches das „Erlebnis** zu schützen ist. Doch da noch auf dieser Ebene die Auseinandersetzung bös enden könnte, macht man sich gern einen Popanz zurecht. Die bitterböse Frechheit, mit der ein nicht nur kitschiger, nein sogar hampelmannmäßiger Begriff eines Philologen, der wirklich nach der einzigen Bestimmung, die die Intuitiven von ihm zu geben pflegen, ein apriorischer Idiot sein muß, in anscheinender Harmlosigkeit und allem Respekt untergeschoben wird, die Unterstellung, in der beliebterweise der Philologe, dieser Trottel, als der „Wörterbuch**-Benutzer „denunziert" wird — eine wahrlich fast knabenmäßig heitere Identifikation, mit der man freilich den Kriegspfad der Chimäre wohlgemut betreten darf! — die Nonchalance, mit der man sich unwissend stellt, wo es gilt, sich vor einem einige Schichten tiefer liegendem Forum echter Philologie zu verantworten, deren Maßstäbe freilich Immanent für jedermann Gültigkeit haben, auch wenn sie nicht die allerletzten sind — kurz, der ach so unbegründete Hochmut des Erlebniskundigen, auf den sich der dichterische Geist aus der Höhe ergossen, -die imaginatio der Inspiration, schützt sich vor der Möglichkeit durchschaut zu werden. Das ist auch in der vorsichtigen Formulierung Wieners nicht sehr erfreulich. Aber der Damm hat seine Löcher, und selbst die Riesen Scheschaj und Talmi, die in Pseudosakkutos viertem Abschnitt sich durch Abwesenheit unheimlichst bemerkbar machen, werden den Sturz nicht aufhalten, den Satans kindliches Gesicht heraufbeschworen hat. „Meine Aufgabe sah ich in der möglichst ganzen und vollen Uebermittlung des Erlebnisses, das in der Dichtung niedergelegt wurde; die Uebertragung möchte auf ihre Art so wirkungsvoll werden wie der Urtext in seiner Art. Ausdrücklich werden hier die Freiheiten der Nachdichtung beansprucht, trotz des Bestrebens zur wörtlichen Treue in den weitaus meisten Stücken" — nur nicht in den vor allem interessierenden kabbalistischen! Die Freiheiten der Nachdichtung sind aber das, dessen ausdrückliche Beanspruchung vernichtend wird. Freiheit der Nachdichtung bedeutet: Einschaltung von Stellen oder Veränderung* von im Text befindlichen Anschauungen. Ihre dichterische Unmoral ist offenbar. Taugte die Dichtung etwas, so ist die Einschaltung vom Uebersetzer ausgedachter Stellen, die ihm bei ihrer Gelegenheit eingefallen sind, für ihr Gefüge sprengend; bringt sie gar der Sphäre des Gedichtes fremde Elemente hinein, wie sie es bei Wiener in einem geradezu fürchterlichen Maße tut — entsteht natürlich ein Gebilde, daß ein zum Ursprung eventuell völlig beziehungsloses Erlebnis auslöst. Es ziemt sich, einem guten Dichter zuzutrauen, daß, was er in seinem Gedichte sagt, von uns nicht wird besser gesagt werden können, und seine Anschauung wird nicht der Korrektur durch den Uebersetzer bedürfen. Und daß die Ehrfurcht vor der Geschlossenheit des Historischen von schlechten Uebersetzern, besonders orientalischer Dichtungen, so oft verletzt wurde, macht die Freiheiten der Nachdichtung nicht legitimer. Unter die Erklärung der sprachlichen Menschenrechte gehören sie nicht. Daß besonders die Einschaltung tiefsinnig sich gebärdender Stellen, die Umänderung einer reinlichen, strengen dichterischen Anschauung in einen in vielen Fällen erschütternd abscheulichen Tiefsinn, dessen Unkontrollierbarkeit sich allzu leicht als modern verrät, völlig verwerflich ist und notwendig das Erlebnis In diesen Dichtungen umfälscht, bliebe ja sogar noch von Wieners Einstellung aus einzusehen. 'Freilich, hinter einem Satz wie „Ueberhaupt ist trotz Treue und Wörtlichkeit, wo es anging, Wert darauf gelegt worden, nicht so sehr die Worte, wie in erster Reihe ihren Gefühlswert zu geben, um so ein Nachempfinden zu ermöglichen", kann sich die ganze Gesellschaft der scheir dichterischen Vertiefungen verstecken, denn wer hindert mich, diese meine allermodernste Inspiration als den Gefühlswert der Worte meiner Vorlagen auszugeben? Gegen den Mangel an Zartheit des historischen Gefühls, der sich in solchen Uebersetzungen dann ausspricht, ist mit Argumenten natürlich nicht anzukommen. Wer einen Text in der Uebersetzung zu verschönern sucht — die „Königskrone** des Abi Simra ist dafür ein ärgerliches Beispiel—verschlimmert ihn schließlich. Und wenn man in der großen Höllendichtung Mose Sakkutos im Deutschen liest, daß ein Satan mit kindlichem Gesicht auf den Toten zukommt, hat man den metaphysischen Schlüssel dieses Buches. Es gibt Schnitzer, welche keine „Entgleisungen** mehr sind. Etwas Schrecklicheres gegen alle geistige Ordnung des Judentums dürfte man nicht oft