Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 65 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau; Literaturgeschichte 65 anzubrechen schien, freilich mit desto größerer Wucht hat hervorquellen lassen, und so leuchtet es ein, daß dies aus den oben angedeuteten Gründen hinderlich und gefährlich für eine Blüte der Hymnik werden mußte, für die manche andere Voraussetzungen prinzipiellster Art ja eben hier gegeben waren. Die Lieder Lurjas haben jene Geste, mit der der Magier einen ungeheuren Vorgang begleitet, mit der er ihn als räumlichste Gegenwart heraufbeschwört. Sie lesen sich wie die kultischen Hymnen einer Mysterienreligion. Viele der Anrufungen und „Hymnen" haben freilich nur noch einen mittelbaren magisch-praktikablen Aspekt, so unmittelbar ihre magische " Absicht ist,*) wie in der Wienerschen Anthologie nur noch zwei Stücke — die „Hymne" Abraham Maimins und das „Lied von den 10 Sphären" des Mose Sakkuto (S. 69 und 117) — von den hier nicht zur Sprache gekommenen Gedichten unendlich viele beweisen. Wer diese Gattung näher kennen lernen will, findet vieles außer in manchen der von Wiener im Qnellennachweis genannten Werke z. B. noch in den Gedichten des zweiten Salomo Molcho (Saloniki 1779, am Ende seines Hoheliedkommentares Schemen mischchat kodesch), — David Pardos und anderer. Sie hat so merkwürdige Lieder wie das Bar-Jochaj Lied des Simon Labi, des „philosophischen Soharkommentators" Benamozeghs, hervorgebracht, das nur scheinbar verständlicher als die anderen lange sehr populär war und wer weiß, wo, sicher noch ist. Wenn nun noch von Wieners Ueber- *) Die „magische Anrufung", mit der Wiener das Kapitel über Safed einleitet, heißt in den Texten „das Gebet des Rabbi Nechunja ben Hakkanah". Dieser Name kommt daher, daß dieses Stück selbst nur eine Variation einer anderen hymnischen (Söbrigens gereimten) Ausfüllung des Gottesi-umens von 42 Buchstaben war, die aus dem 13. Jahrhundert stammt und zwar aus einem größeren Ganzen, das zu den wichtigsten Pseudepigraphen dieses Jahrhunderts gehörig, als „Einungsgebet des R. Nechunja ben Hakkanah", also der wichtigsten Autorität der Hechalothschriften, auftaucht. Das hier wesentliche Stück ist auch im Scha'are- Zion gedruckt (Amst. 1735, Bl. 57b), das Ganze bisher nur in einer Livornoer Ausgabe des Chemdath jamim. Solche akrostischen Ausfüllungen (sogenannte Ssimanim) der Gottesnamen sind äußerst zahlreich schon aus älterer Zeit erhalten. Vielleicht gehen einige davon schon auf Hai Gaon zurück, dessen Kenntnis des 42 buchstabigen Gottesnamens in der dann von der Kabbala übernommenen Rezension einwandfrei bezeugt ist, jedoch ist die Echtheit der betreffenden Texte höchst zweifelhaft. setzung gesprochen werden soll, so scheint solche Besprechung ein schwieriges Unterfangen. Es hat nämlich dieser Uebersetzer in einem kleinen Abschnitt „die Anthologie", in dem er über seine „Prinzipien der Auswahl und der Uebersetzung" handelt, und den er wie einen gewaltigen Riegel der Möglichkeit transeunter Kritik*) vorgeschoben hat, aller konkreten Darstellung dieser Prinzipien in seinen Uebersetzungen voran, einen solchen Damm von Sicherungen; Verwahrungen und Deklamationen gegen den aufgerichtet, der da in seinem „Gramatiker"- und Philologenhochmut glauben möchte, mit der Lektüre der Originale einigermaßen haltbare Maßstäbe für den Wert der Uebersetzungen sich bilden zu können, daß man sich begnügen möchte, die Hohlheit dieser Angriffe und Rechtfertigungen satyrisch zu beschreiben. Das was dasteht, o Philologe, gibt nämlich im Sinne Wieners noch lange kein Kriterium für seine Uebersetzung ab, und wollte man in seinem Sinne urteilen, bliebe hier nur die einfache Erklärung, mit der schon die ältesten talmudischen Mystiker Gott Welten zerstören ließen: — ]K'jn ]*H *V jK'Jil tih |**T diese gefielen einem und jene nicht, in dem und dem Gedicht finde man eben keinen „Abglanz vom Leben des Urtextes" auch nach einer Prüfung wie sie Wiener verlangt, oder in dem und dem finde man ihn, kurz, da solch menschliche Erklärungen keine schöpferische Kraft der Zerstörung mehr haben, scheint nicht mehr zu befürchten zu sein, daß da Irgend etwa Objektives, dem Uebersetzer Gefährliches, herauskommen könnte. So leicht möchte ich es mir nicht machen, und wenn hier aüfs grundsätzlichste jene Art der Uebersetzung angegriffen wird, zu der die angedeutete Erlebnisideologie Wiener in vielen Stücken verleitet hat, so ist es, weil die Ansprüche, die auf einer Sphäre von solcher Undichte erhoben werden, besonnenerer und tieferer Arbeit verderblich werden können, die zur Hebung der Schätze unseres Erbes zu erhoffen ist und deren Wiener selbst vielleicht auch fähig sein dürfte. Erfreulicherweise hat sich ja manches Bedeutende und Schöne auch hier erhalten, freilich fast nur in den nichtkabbalistischen Gedichten, die eben die einfacheren sind. Man sieht von einem gar hohen Fußschemel auf die Philologen herab, deren „Treiben" geheimnisvoll und gefährlich bleibt. *) Ueber „Prinzipien der Auswahl" läßt sich kaum streiten, und in der Tat sind ja auch alle von Wiener übersetzten Stücke im Original wichtig und bedeutend in ihrer Weise und außer dem eingangs Gesagten über den Titelunfug ist nur zu bemerken, daß in diesem Band bedeutend mehr Platz hätte finden können. Heft 1 5