Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 64 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Umschau: Literaturgeschichte äußerste steigernden, aber in ihrer Monotonie symbolischen Anrufungen Gottes, des über der Merkaba Thronenden, in immer neuen königlichen Attributen*). All diese Hymnen haben durchaus die Geste der Beschwörung, in sich und in ihrer Aufeinanderfolge, die bis zum Gelingen des mystischen Vorhabens, das große Schwungrad der Ekstase in Bewegung zu versetzen, sich erstreckte — man täusche sich nicht darüber, wie einfach im Grunde die Technik der Ekstase ist und um wieviel höher die hymnische Ordnung steht, die hier von der Ekstase vorausgesetzt wird**). Diese Geste als „Beiwerk" zu eliminieren, bedeutet eine solche Verschiebung der Ebene, daß dabei von einem „innerlicheren Erfassen der Absichten des Urtextes" wohl nicht die Rede sein kann. Und die Hechaloth-Hymnen sind übersetzbar. Man lese aber Hymnen wie die beiden aus dem Rasiel im Urtext — sie stehen in der Amsterdamer Edition Blatt 39 a und b, in der Wilnaer, deren Text mit Wieners Lesungen besser stimmt, S. 63 — die Wiener, wie schon gesagt, den eigentlichen Dichtungen vorangestellt hat, und man wird erstaunt sein, über die wesentliche Distanz, die eine verirrte Willkür hier geschaffen hat. So geht es nicht: es mag schließlich letzten Endes nicht auf eine falsche Uebesetzung ankommen — wer kennte nicht die Variantenfülle der mystischen Literatur, obwohl auch hier in der ersten Hymne durch expressionistische „Verzerrung der Herrlichkeit" ein bischen mehr angerichtet ist, als erträglich wäre — wie ist es *) Was Wiener S. 29, übrigens ohne Beziehung auf diese Hymnen, sagt: „Im Ganzen ist die jüdische Lobpreisung Gottes von absolutistisch-orientalischen Vorstellungen beherrscht, und die höchste Lobpreisung des urdichterischen Beters ist nichts anderes als die Üblichen Schmeichelworte Königen gegenüber in theologischer Vermummung", ist, so richtig der erste Teil dieser Behauptung sein mag, doch wohl nicht das Letzte, was über den „Basiläomorphismus", wie ihn M. H. Landauer genannt hat, zu sagen wäre, und die Haltung des Hymnikers, der seine wahre Macht in aller Demut stets gekannt hat, ist nicht gerade die des Schmeichlers, und die Symbolik der Krönung in diesen wie in anderen Hymnen, sowie in der mystischen Theologie der Juden überhaupt, dürfte tiefer zu erfassen sein. **) Es liegt ein tiefes Erstaunen darin, wenn die Kabballsten später (im Buch Bahir) die Frage aufgeworfen haben, warum man von einem Herabsteigen, nT*,p> zur Merkaba und nicht von einem Hinaufsteigen, |T**?y, spreche, und die Antwort, die sie sich gegeben haben, ehrt als eine der tiefsten und schärfsten Ueberwindungen des Visionär- Ekstatischen in der Mystik die Fragenden. aber, wenn eine sehr starke Hymne, wie die zweite, die sich in streng zyklischem Bau und maßvoller Monotonie, die im Deutschen erreichbar ist, mit der völlig reinen Geste krönender Beschwörung erhebt, mit der dichterischen Trägheit wahrer (J.7]^av7], hier zu einem in der Tat ohne Gegenstand verpuffenden lyrischen Erguß wird, der einsichtslos — wenn auch durch Ideologie „geschützt" — des großen Skeletts der Monotonie beraubt*), zu einem ungewissen Wellenschlag des Auf und Ab wird, als der sie nun erscheint. Man hat im Deutschen Stefan Georges Schlußgedicht des „Stern des Bundes": „Gottes Glanz ist uns ergossen", man lese es und man wird sich einen besseren Begriff von einer Hechaloth-Hymhe machen können als Wieners mörderische Uebersetzertechnik erlaubt, die „zu dem das Lied oder Gebet veranlassenden Erlebnis auf dem kürzesten Weg zu gelangen sucht", der schon nach der Meinung der alten Weisen sich schließlich als der längste zu erweisen pflegt, und auch in diesem Falle sich erweisen dürfte. Die Ekstase hat in der eigentlichen Kabbala nicht jene zentrale Rolle gespielt, in der man sie wohl in manchen mystischen Lehren findet. Ein durchaus nicht verfallener, tief geistiger und wenn man will tief rationalistischer Grundcharakter, der das „farblose Licht der Vernunft" als die höchste Krone der Sphären erklärt hat, hat sie davor bewahrt. An ihre Stelle scheint in den meisten Kreisen die „Dewekuth", die Hingabe, Versunkenheit oder Anhangen an Gott bedeuten kann — in der letzteren Nuance eine tief unmythische Bezeichnung des idealen Distanz Verhältnisses des Gerechten oder Frommen zu Gott — getreten zu sein. Ihr streben Nachmanides nicht anders als Elieser Äskari oder Jesaja Horowitz ausdrücklich in ihren Gedichten und Gebeten zu, eine Technik von ihr aber nach Art der Ekstase ist niemals entwickelt worden. Die Geste der Beschwörung aber hat sich in den magischen Liedern durchaus gehalten, wenn auch, was hier beschworen wird, sich verwandelt hat und, wenn sie nötig geworden ist, die Wanderung in den Himmeln nicht mehr durch Hymnen inauguriert worden zu sein scheint. Die theoretisch fundierte Magie ist komplizierter, auf den inneren Makel der Weltordnung gerichtet, der die Hymne bedroht, und sie im „Zeitalter der rechten Ordnung und Gestalt", das den Mystikern von Safed *) und daß „Wiederholung" die einzig ernsthafte Redefigur sei, haben zwar die alten Juden nicht schlechter als Napoleon gewußt, in der neueren Rhetorik und Poetik scheint sie aber zu den „störenden Schnörkeln" gerechnet zu werden, die unnachsichtlich im Abgrund verschwinden.