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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Lyrik der Kabbala?
Date
1920-01-01
Page
63 (sequence 9)
Language
German
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Umschau: Literaturgeschichte 63 nicht zu retten vermocht, doch deren Sprache als sein höchstes Gut mit seltener und erleuchtender Eindringlichkeit behauptet hat. Diese sinnliche Bedeutung der Worte ist aber kein Freibrief zu einer Willkür, welche die Unantastbarkeit des Dichterischen jener Hymnen, die ein historisch waches Gefühl als vom Volk nicht aufgenommen und im strengen Sinn kabbalistisch geblieben, auch jetzt, wo noch keine neue Bewegung sie „aufgeschmolzen" hat, anerkennen muß, verletzend ihrerseits hier wieder . eine Berechtigung vorgibt und zu begründen vermeint, aus der man irgend einen Sinn, der uns anspricht übersetzen dürfe, der also dem ehrlichen Sucher, besonders da es jener Sinn sein soll; der „am lautesten" spricht, wohl auch zu finden sein müßte, was bei Wiener aber in den allerwenigsten Fällen, in denen er von dieser Willkür Gebrauch gemacht hat, möglich ist. Das Symbolische der Hymnen ist unübersetzbar. So bleibt die Frage, der Wiener ausweicht, ob dieses Symbolische nicht, im Maße der Bedeutung des jeweiligen Stückes, sich in der Uebersetzung methodisch auf eine Sphäre überführen läßt, in der ein verwandtes und gar nicht metaphorisch verstanden, resonnierendes aus ihm heraustritt. Und eine solche Weise der Uebertragung gibt es. Und es bleibt ferner die Frage, ob ihr Dichterisches nur als solches stark genug ist, sich als ein Eigenes in der Uebersetzung zu konstituieren und Dauer und Behauptung zu verschaffen, vom dichterischen Vermögen jeweiliger Uebersetzer ganz abgesehen. Hier scheint mir nun zu sagen nötig, daß das nicht der Fall ist. Die Dichtungen des 14. und 15. Jahrhunderts, welche man in manchen Texten, mehr aber noch in zahlreichen kabbalistischen Handschriften findet, bewegen sich ebenso wie die meisten der spätkabbalistischen — man hat auch, trotz Wiener, chassidische und aus dem Orient stammende noch aus junger und jüngster Zeit — durchaus in einem Zwischenstadium, von dem zugestanden werden muß, daß es auch von Schwäche zeugt. Ihr autonom Dichterisches ist in der Tat nur sehr selten stark genug zu eigenem Leben, und hier wird die Proklamierung einer „Lyrik", die Wiener so kurzer Hand und stillschweigend vollzieht, endgültig aufs äußerste fragwürdig. Das „Lyrische" der späteren Dichtung und auch in Wieners Buch ist durchweg nicht offiziell kabbalistisch, und in Wahrheit dürften einige Frosastellen im Sohar und den Schriften der, fast unbekannten, Majan Chochma-Mystik, der bedeutende, von Sachs greulich übersetzte, »Hymnus von der Seele" des Nachmanides, ausnahmslos aus dem 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts stammende Stücke, so fast das Einzige sein, was die Kabbala an wirklich Lyrischem besitzt, so tief an sich auch ihre Affinität zum Lyrischen reichen mag. Die meisten dieser Gedichte leben von dem" Rückweis auf eine höhere Sphäre, und die Ungewißheit ihrer Symbole, nicht, deren Geschlossenheit, bringt den Eindruck hervor. All diesen Hymnen wohnt die tiefe Trägheit einer ^XaV7l inne> die ihre Mittel kennt, und es wäre,x wenn anders es hier noch Uebersetzungen gibt, freilich eine ihrer vornehmsten Aufgaben, sie nicht zu verletzen, sondern zu bewahren. Kein Mensch hätte das Recht, ihre magische Haltung zu verfälschen und zu eskamotieren, im Namen einer Lebendigkeit, die eben durch Aggressivität auf einem solchen Gebiet sich hinreichend kompromittiert. Man braucht ja nichts von Kabbala zu halten, man kann gegen sie sein — und es gibt ja Einwände gegen sie, die tief genug gehen, tiefer als manche ihrer zu unbedachten und schwärmerischen Lobredner, zu denen Wiener nicht gehört, zu ahnen scheinen — aber man fälsche sie nicht um, und am wenigsten nicht, wenn man sich nicht in ihrem Zusammenhang organisch einordnen will (was schließlich bescheidene, aber doch einige Rechte verleiht). Die Kabbala ist das ganz, was sie ist, und was aus ihr zu mir spricht, mag mein System oder meine Dichtung, als deren Zeuge ich sie anrufen darf, aber es muß leider nicht immer das sein, was sich in ihr ausspricht. Und wer möchte die Realität dieser Kluft in einer Sprachverwirrung bezweifeln, in der das Identische auseinanderfällt und das Ineinanderfallende divergiert. Wenn auch vor der Entwicklung der sefiratheoretischen Kabbala liegend, sind die schon erwähnten Hymnen der geonäischen Merkabafahrer von höchstem Interesse, mit denen Gott krönend und die Engel an den Toren der mystischen „Hallen" beschwörend, die damaligen Mystiker sich zur ekstatischen Schau der Merkaba rüsteten. Von ihnen sind uns in den vielen Hechaloth-Traktaten, einem Teil des Rasiel und auch noch in späteren Werken, ja auch in der von Gollancz 1914 edierten Clavicula Salomonis, eine sehr große Anzahl erhalten geblieben. Diese Hymnen haben nicht eigentlich das, was man eine terminologische Symbolik nennen könnte, und am wenigsten die spätere kabbalistische — die dagegen manche ihrer Symbole (das „Rad der Größe" und anderes) eben aus diesen Hymnen entlehnt hat — aber sehr nachdrücklich tritt in ihnen eine tiefe Mechanik hervor, genau vergleichbar der des Ankurbeins eines ungeheuren Schwungrades. In einer völlig zyklischen Weise — die Wiederkehr des immer gleichen Schlusses, der eben wie das Auslaufen in die ekstatische Welt sich in der „Keduscha" schließt, ist durchaus wesentlich—folgen sich die Hymnen und innerhalb von ihnen die prunkvollen, gerade die sinnliche Gewalt der Worte aufs

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