Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 62 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 1× ep/1046078
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62 Umschau: Literaturgeschichte der Merkaba unternahmen, und zur Zeit von Safed, welche Wiener behandelt hat. In der Zwischenzeit ist die Hymnik stiller, besonders begreiflicherweise in der ersten Zeit, wo die Unfertigkeit des im Ausbau befindlichen kabbalistischen Weltbildes gerade bei den Mystikern das Bewußtsein jener Ordnung, aus der Hymnen gesungen wurden, schwächte. Aber auch hier steht beidemal eine verräterisch leuchtende, auf theosophischen Schematismus zauberisch gerichtete Magie des „Innerlichen" dahinter; denn freilich waren jene ja nicht das Volk in dessen Namen sie sprachen. Eine Mystik, die ihren messianischen Anspruch auf Allgemeinheit in der Zeit nicht verwirklichen kann, vermag praktikabler Magie, die sich noch hinter „Kawwanoth" versteckt, nicht zu entraten. Die Sprache und die Dinge treffen zu früh zusammen, und ihr herbeiführbarer Zusammenprall verleiht gefährliche, wenn auch wesenlose Macht. Die Unsicherheit, in der sich die Kabbalisten über die Weite ihrer magischen Intentionen befanden, hat viel Schaden angerichtet. Die „Lyrik" der Kabbala ist, wo sie in echt mystischem Gewände auftritt, durchaus und freilich in bedeutender Welse dieser innerlichen Magie ergeben, und es ist für die Erkenntnis der Tiefendimension der Kabbala sehr bedeutsam, daß die reinsten jenseits dieser Bedenken stehenden Hymnen ihrer Adepten stets solche sind, die scheinbar die Terminologie der Mystiker aufgegeben haben, wie manche Stücke, die auch Wiener übersetzt hat, dessen Technik im folgenden Zusammenhang schon einiger Bemerkungen lohnt, und am klassischsten vielleicht das qerühmte L'cha Dodi . . . beweisen, das eine mystische Hymne ist. Es ist nämlich gegenüber der Wieners'chen Uebersetzung nicht weniger als gegenüber der von ihr gegebenen Rechenschaft in einer tieferen Schicht auf die ungeheure, sich gerade in den Hymnen der späteren und spätesten Kabbala mitunter bis zu einer fast an den Sachverhalt der objektiven Ironie grenzende, überschlagende Diskrepanz zwischen Wort und Sinn hinzuweisen oder vielmehr zwischen den objektiv beabsichtigten vielfachen Schichten des Sinnes, ein der kabbalistischen Sprachtheorie seit jeher äußerst wesentliches Lehrstück*). Durch die ge- *) Was Wiener Seite 49 von den Chassidim sagt: „Es war kein Bedürfnis nach neuen Worten für die neue Begeisterung, man konnte sie eben so gut in die alte hineindenken; dazu war die „Kawwanah", die „Besinnung" da. Vom eigentlichen Sinn eines Wortes wurde in aller Seelenruhe abstrahiert, es war gleichgültig; in jedes Wort konnte jeder Sinn hineingedacht werden. Unter solchen Bedingungen kann kein neues Lied entstehen", ist weder ganz richtig, denn gleichgültig samte Kabbala zieht sich als fast ihre größte Leistung im Theoretischen, der wunderbare Tiefsinn einer Terminologie, in der das Geheimnis, das, was im Sinne, jener Bewegung Geheimnis war, durch die unscheinbarsten Worte verdeckt werden kann. Es gibt, soweit ich weiß, keinen einzigen Begriff in der vorlurjanischen Kabbala —» die zuerst und zuletzt einige n ur noch in rein mystischen Bezirken anschaubare Wortsymbole eingeführt hat, das genaue Zeichen eines Wendepunktes und zweifelhaft, ob eines zum Guten — dessen sprachlichem Bilde nicht eine unmittelbare Anschauung aus scheinbar offenen Gebieten zu Grunde liegt oder aber sich zu Grunde legen läßt. Die große sinnliche Gewalt, welche die Kabbala jenseits ihrer mystischen und magischen Bezirke ausübt, liegt in dieser Zweideutigkeit mit begründet: der Appell an die Konstruktion eines Zusammenhanges auch auf einer anderen als der magisch gemeinten Sphäre der Mystik, hat unbestreitbare Größe. Ein Lied, wie L'cha Dodi . . ., das ans Unwahrscheinliche grenzende vollkommenste Gedicht dieser Art (das, wenn es uns nicht bezeugt wäre, nie für kabbalistisch gehalten werden würde), hat keineswegs durch seinen mystischen Sinn, über den man eine große Abhandlung von einem, der es im Grunde auch nicht sagen will, hat, sondern durch die vom Kabbalistischen aus sekundäre unmittelbarsinnliche Beziehung der Worte, seine Dauer errungen, und die Kabbalisten haben in solchen Liedern,- über die sie sich wie über weniges ausgeschwiegen haben, dem Volke gleichsam eine Provinz zu scheinbarem Besitz überlassen wollen, die eigentlich ihnen angehörte, die aber nun gleichsam rebellisch sich selbständig gemacht hat. Denn in der Tat: in Wahrheit sind die Kabbalisten hier doch vom Volke besiegt worden. Der „scheinbare" Anspruch des Volkes ist als der tiefere hier erweisbar und erwiesen: in diesem Zwiespalt hat ein bewunderungswürdiger Geist der Sprache über alles mystische System hinaus das Wunder der Unmittelbarkeit vollbracht, und man darf vielleicht sagen, daß dies das wahre Siegel einer Bewegung, zu sein scheint, die, wenn sie auch die Jugend des jüdischen Volkes war der Sinn der Worte niemals, vor allem aber ist das hier bezeichnete für den Chassidismus um keinen Grad bezeichnender als für die ganze Entwicklung der vorchassidischen Theorie der Kawwana, die er ja nur übernolnmen hat. Hiernach hätte niemals überhaupt eine kabbalistische Dichtung entstehen können, und natürlich ist das nicht der Grund, warum der Chassldismus keine große Hymnik hervorgebracht hat, der verwandte und gleichgeordnete Erscheinungen sich im Uebrigen durchaus darin finden.