Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 61 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau: Literaturgeschichte 6l der Sprache aber, die oben angedeutet wurde, gehört auch zu den tiefsten Grundlehren der Kabbala. Die Sephira-Lehre und die Lehre von den Namen Gottes, die man vor allem in den Schriften dieser Mystiker auseinandergesetzt findet, behauptet aufs Nachdrücklichste diese Koinzidenz, welche schließlich in der höchsten Krone, sei es des göttlichen Wesen selbst, sei es des mystischen Menschen, ihren kanonischen Ort haben sollte. Die innere Geschichte der Kabbala zeigt ein Auf und Ab im Kampfe um die Feststellung der Tiefenschicht des Magischen, welche erreichbar sein sollte und dürfte, und auch der zauberischen Magie, die sich als das weit ältere Element auch hier auf die tiefsinnige neue Theorie gleich nach den Anfängen ihrer Durchbildung stürzte und unter Ausnutzung der systematisch schwachen Punkte der Lehre sich tief in sie hineingenistet hat*). Das ist für ihre Hymnik gefährlich geworden. Was aber ist das für eine Hymnik? Ihr Charakter ist der aller jüdischen eng verwandt. Die höchste Ordnung, der Einklang der Sphären, der seinen Ausdruck in einer Hymne findet, und vollendet, in der die Sprache sich mit der symbolischen Geste der Krönung den Ordnungen der Dinge einfügt und sie wieder aus ihrem eigenen Mittelpunkt entläßt. Die symboliche Vorstellung von der Beständigkeit der Hymne, die sich an einer Stelle mystischen Inhalts im Talmud befindet — am Tage singt Israel Hymnen, in der Nacht die Engel (Chagiga 12 b nach Raschis Erklärung) — die wohl als eine Folge der vollkommenen kosmogonischen und historischen Ordnung zu verstehen ist, bietet eine eigenartige Verwandtschaft mit der berühmteren von der Musik der Sphären. In der Hymne krönt der Mensch Gott — das ist auch die mystische Intention der von den Autoren mitunter staunend betrachteten Hymnen derHechaloth- Literatur, zu der auch die im ältesten Teil *) Man sollte aber, wenn man die Kabbala verurteilt, nicht so ungerecht und leichthin die Warnungen und Polemiken übergehen, die sich in 99 von 100 Schriften der theoretischen Kabbala gegen diese Magie finden, demSohar, dem verlästerten Peliah,beiGabbay, Cordovero und Lurja nicht weniger als noch in den chassidischen Schriften. Das einzige Buch, in dem diese Magie eine gründliche Rechenschaft von sich versucht zu haben scheint, ist meines Wissens der „Brit Menucha", dessen Tiefsinn aber in einer bisher völlig unverständlich gebliebenen Terminologie niedergelegt ist, so daß ein Verständnis dieses äußerst wichtigen Textes vorläufig aussichtslos ist. Aphoristische Andeutungen über Ideologien des Zaubers finden sich in einigen Jezirakommentaren, besonders dem sogenannten Pseudo-RABED. des Rasiel sich findenden gehören. Die Macht des Menschen, welche religiös gesehen ja nur in der Anerkennung und Verwerfung besteht, stellt sich am größten in der Hymne dar, in der er eben in der Anerkennung Gottes seine Macht mit einer gleichsam in sich selbst versunkenen Magie äußert, ohne diese Macht doch9 zauberisch zu mißbrauchen. Diese unvergleichliche Macht des Menschen, daß ohne seine Anerkennung der Schöpfung das Siegel und ihrem Schöpfer die Krone fehlt, das Unvollendete und Unvollkommene einer nicht in Hymnen sprechenden Welt, bestimmen das Wesen der Hymne. Und hier liegt auch mit der Grund, warum eine Hymne selten (und mit ganzem Recht vielleicht niemals) „schön" genannt werden wird. Es ist ein echtes und weitführendes Problem der Hymne, daß ihre Möglichkeit durch die Sünde und den Makel der Wesen doch nicht berührt wird, wodurch sie sich schon auf den ersten Blick als ein ursprünglich mythisches Phänomen charakterisiert, dem eine altertümlichere Idee von Reinheit zu Grunde liegt, und wodurch sie noch beim Herauswachsen aus dem Mythischen sich eine erlösende Kraft bewahrt. Denn der Psalmist weiß, daß er ein Sünder ist, und Jona singt noch im Bauch des Fisches seine Hymne, der größten eine, die uns überliefert ist. Und daß eine ernstlich religiös konstituierte Gemeinschaft mit Recht in Hymnen redet, die liturgische Funktion der Hymne, ist von hier leicht zu begreifen, ja es ist vielmehr dem wahren Hymniker der Mangel einer solchen letzten Endes unerträglich, und findet er sie nicht in dieser Welt, steigt er in eine kommende, um sie zu finden. Denn der Mangel jener nichtzauberischen und verzichtvollen wahrenMacht, die die Gemeinschaft ausübt, erschlägt den Hymniker und macht seine Hymnen kraftlos, der eine Ordnung anerkennen möchte, die nicht da oder aus deren Krone doch ein kostbarer Stein nach unten abgesprungen ist. So ist es gekommen, was hier nicht dargelegt werden kann, daß allein das Klagelied als ein die Ordnung der Vernichtung Anerkennendes im Judentum sich halten konnte — Rabbi El'asar sagte: „Seit dem Tage, da das Heiligtum zerstört ist, sind die Tore des Gebetes geschlossen, aber sind auch die Tore des Gebetes geschlossen, die Tore der Tränen sind nicht geschlossen" (Baba mezia 59a) — und daß die Hymnik der Kabbala so vielfach fragwürdig geblieben ist. Denn nur zweimal konnten die jüdischen Mystiker in einer positiven entfalteten Gemeinschaft ihre Hymnen singen: in der Zeit der Geonim, als die „Merkabafahrer" in ihren Gesängen den König „Achtariel" krönten und durch ebendiese Hymnen, den Ausdruck ihrer Hoheit, unantastbar, die Wanderung durch die Himmel und die Ordnungen