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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Lyrik der Kabbala?
Date
1920-01-01
Page
60 (sequence 6)
Language
German
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6o Umschau: Literaturgeschichte gesprochen werden" kann, wenn in den folgenden Sätzen in völlig gegenstandslosen Antithesen ein Mißbrauch der Hymne aus einer ihrer tiefsten und rechtmäßigsten Funktionen, dem als religiösen Ausdruck der Gemeinschaft, herauskonstruiert wird, wird die verheerende Nichtigkeit des Spiels mit einer untief angelegten Erlebnisterminologie überdeutiich, die als bequeme Begriffsmühle beliebig viele solcher Sätze mechanisch hervorbringt, kurz: der mißlungene Erlebnis- Simmel. Kein Mensch dürfte bestreiten, daß die Hymnen aller berühmten expressionistsichen Zeitgenossen, „um Gott," „an Gott" und was weiß ich in der Tat eine Befreiung dieser Geister von Gott, diesem stärksten und umfassendsten aller Erlebnisse, welche sie nicht gehabt haben, oder auch im Sinne jenes Bibelverses eine Befreiung Gottes von ihnen, deren treuloses Ende er zu „erleben" wünscht, sind, und daß mit diesem Satze also das ^Scheinbare eines anmaßenden Mystizismus großartig und nicht ohne Ironie erkannt ist, aber der Einigkeit macht die Verallgemeinerungswut vulgärer expressionistischer Theorie ein Ende, die die Jahrtausende nach rückwärts mit sich zu identifizieren strebt und die den großen Hymnen aller Völker, ob Indern, Griechen, Juden oder Indianern, ihren eigenen Charakter unterzuschieben sucht. Mit dieser Charakteristik läßt sich freilich auch an die Hymnen der Kabbalisten nicht herankommen, geschweige denn ein Kriterium ihres Wertes oder Unwertes (denn es ist ja wirklich nicht alles Gold, was mystisch glänzt) vorbereiten. Daß die Meinung, die Über einen Gegenstand dieser Tragweite im folgenden nur in einigen Grundzügen angedeutet werden kann* und einer Entwicklung in weiterem Zusammenhange bedarf, sich in ihren Grundlagen und Voraussetzungen aufs prinzipiellste von denen Wieners trennt, braucht nicht verschwiegen zu werden. Daß „Religion zu ungenau ist,- um das gesamte Sein umfassen zu können**, diese wirklich sehr gelungene und ausgezeichnete Formulierung eines bodenlosen Begriffs von Religion kann freilich nur von einem Denken aufgestellt oder gebilligt werden, dem die zentrale Grundtatsache der Religion, Offenbarung, nur als ehr amorphes, auf einer unergründlichen, ebenso wie ihre Emanationen verschwommen bleibenden Sphäre der Innerlichkeit sich abspielendes Erlebnis gerade noch faßbar wird, nicht aber als jene Audition im strengen Sinne des Begriffs, als die sie den Religionsphilosophen und Theoretikern der Sprache wie den Mystikern und auch den Kabbalisten stets ebenso exakt bestimmbar erschienen ist, wie sie die ihr entsprechende Totalität freilich zugleich als eine genaue erkannt haben. Und nicht anders steht es mit all den übrigen scheinbaren Scheidungen und Definitionen, die Wiener hier anbietet. Die Anschauungsweise der Religionspsychologie besitzt schließlich nicht jene Dichte und Dignität, die sie für ein in das Innere der systematischen Zusammenhänge der religiösen Phänomene strebende Untersuchung, deren Aufgabe ja eine völlig andere ist, verwendbar scheinen ließe. Was nun die Bedeutung der Hymne angeht, hat schon I. Elbogen in seinem Werk über den jüdischen Gottesdienst an mehreren Stellen in besonnener Weise auf einen Zusammenhang zwischen Mystik und Hymne hingewiesen. Es beruht nämlich die Möglichkeit eine Hymne zu dichten, geschweige sie zu singen — was aber durchaus zusammenfällt, indem im Wesen der Hymne als eines Vollendeten ihre musikalische Konstitution, ihr Klang liegt, welcher dem Vollkommenen kraft seiner oben angedeuteten Beziehung zur Sphäre der Audition innewohnt — auf der tiefen Erkenntnis des Ineinanderfallens, der unendlichen und als ein „Prozeß" ebenso unvollendbaren wie punktuell immer wieder vollendeten Koinzidenz der dinglichen und der sprachlichen Ordnung. Die kühne Annahme der Endlichkeit dieser Koinzidenz, der eine dann stets mögliche Mechanik entspricht, ist eine der wesentlichen Grundlagen praktikabler Magie. Eine reinere, unmittelbarer sich der Schranken ihrer Macht bewußte, Magie übt die Hymne, die von einem im tiefsten Geistigen gelegenen Punkt her, wie es der Erfüllungsort jener Koinzidenz ist, an den sich der Hymniker stellt, eine uns noch abgewandte Seite des Geschehens in sich vereinen und beherrschen kann. Das tief „Nüchterne" der Hymne, das große rätselhafte Siegel, mit dem sie sich auszuweisen vermag, stammt hierher. An ihm auch kann die Ekstase abstürzen. Die Praxis der Magie hat freilich immer wieder jene Verschiebung versucht, die eine zynischere Verwendbarkeit der Hymne ermöglichen sollte, es konnte Ihr nicht gelingen, ohne sie zu verändern. Wo der Gedanke der Hymne sich unter Ueberwindung des Praktikablen, Zauberischen oder seiner Verwandlung rein ausgewirkt hat — innerhalb des Judentums z. B in den Psalmen, im Klagelied (und in ihm mit einer, nicht nur durch die Beständigkeit des Leides ^erzeugten, erschütternden Kontinuität durch drei Jahrtausende bis auf den heutigen Tag), in den zyklopischen Hymnen des palästinensischen Piut mehr als im übrigen, und schließlich eben sehr problematisch In der Kabbala— hat er der Größe seiner Absicht entsprochen. Die Erlösbarkelt der Sprache, und nicht nur der Sprache, ist in ihr mit unvergleichlicher Gewalt sichtbar gemacht. Die prophetische Vorstellung, daß die messianische Menschheit in Hymnen sprechen wird, ist der tiefe Ausdruck von der Konstitution der Hymne. Die hier vorausgesetzte Meinung vom Stand

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