Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 2× ep/1046078
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Umschau: Literaturgeschichte 59 Menschen wahrt und sich ihnen einfügt. Achtet er diese Grenzen nicht, so verliert der Leser jede Gewißheit von der Legitimität der ihm in so völlig unordentlicher Weise durcheinandergemischten Inhalte. Und freilich genügt mitunter schon eine halbe Zeile, um die historische Feinfühligkeit eines Autors, seine notwendig vorauszusetzende und ja auch oft behauptete Ehrfurcht vor dem Geist der Zeiten entscheidend zu kompromittieren, so sicher man auch sein kann, daß diese halbe Zeile nicht die einzige bleibt! Und da auch Wiener in diesem Buch zu denen gehört, die hier nicht bestehen, wird durch eigene Schuld sein Leser mißtrauischer gegen die mystische Erotik werden, als berechtigt ist. Denn in vielen, von Wiener nicht übersetzten Gedichten, wie in dem aramäischen, dem Sabbatai Zewi zugeschriebenen „bemaskl lcela..und den eigentlichen Liebesliedern an die Schechina des Israel Nagara, die nach Lonsano „die Sprache der Ehebrecher reden"**), ist sie mit unmetaphorischer Deutlichkeit gegenwärtig.] Seinen Uebersetzungen hat Wiener drei Essays vorausgehen lassen, in denen er von allgemeinen Betrachtungen über „Kultus, Gebet und Religion" ausgehend, das „Wesen des jüdischen Gebetes" und schließlich „die neuere geistliche Lyrik der Juden" betrachtet. Auch in diesem letzten inhaltsreichen Essay wird man vergeblich eine Begründung der Identifizierung seines Gegenstandes mit „Lyrik der Kabbala" suchen, von der inneren Geschichte der mystischen und kabbalistischen Hymnik vor der Zeit von Safed erfährt man nichts, und Wiener scheint es schließlich für so selbstverständlich zu halten, daß sein Buch nicht über „Lyrik der Kabbala" sondern Über etwas anderes handelt, daß er mit keiner Silbe erklärt, warum er diese Entwicklung in ihren ersten Teilen übergeht, „zwei Hymnen aus dem Buch Rasiel" wie etwas nur halb zum Thema gehöriges in verändertem Druck voranstellt, und sich so der Möglichkeit beraubt, durch deren Ausnutzung er sich ein vielfaches Verdienst erworben hätte, seinen Gegenstand In einem wohlbegründeten •inneren Zusammenhang darzustellen. Denn das nun Gebotene fällt vielfach auseinander, und das ist ja doch kein notwendiges Merkmal einer Anthologie. Und sollte etwa, was sich nicht entscheiden läßt, aber sachlich auf jeden Fall ein Irrtum wäre, Wiener geglaubt haben, die Kabbala vor der Zeit des „Tikkun" in Safed kenne keine „Lyrik", sondern nur magisch-kultische Gebete, so Wäre er ein Opfer seiner eigenen unzulänglichen Terminologie geworden und jedenfalls wäre der Durchbruch dieser Lyrik aus der Magie ja dann zu verfolgen gewesen. Es ist nun aber in der Tat zu sagen: die Begriffe, * **) Diese interessante Polemik steht im »Sehte jadot" Bl. 142 a. b. in denen Wiener in diesen einleitenden Kapiteln, nicht ohne darin auch eine Anzahl richtiger, ja ausgezeichneter Bemerkungen zu geben, an denen besonders das zweite Kapitel mit seiner eine Idee von Zunz fruchtbar fortführenden Analyse der Momente, die für das Verhältnis Gottes zu seinem Volk im Sinn des jüdischen Gebetes konstitutiv scheinen, erfreulich reich ist, diese Begrüfe und Antithesen sind im allgemeinen recht wenig tragfähig. Ich zweifle, ob in dem Schema von lebendig-unanwendbarem Erlebnis und kultisch-praktisch gerichteter Verknöcherting des Dogmas sich taugliche und nicht nur gar zu modern schillernde Einsichten Über die geistigen Grundbestände der Religionsgeschichte erzielen lassen. Bei solchen Dingen hängt viel von der Terminologie ab und indem man alles von den voreingenommenen wertbetonten und letzten Endes nicht einmal durchgebildeten Kategorien der Erlebniskundigen aus betrachtet*), kann es leicht geschehen, daß Wesentliches draußen bleibt, weil es in Aktivität—Passivität, Handlung — Religion, Kult— Extase und wie die manchmal mit sehr willkürlichem Inhalt angefüllten Begriffskörbe noch heißen mögen, sich nicht einfangen läßt. Und eine Terminologie erscheint mir als widergeistig, verwerflich und allzu gewichtslos (was freilich im Zeitalter der „Auferstehung der Metaphysik" bei manchen grade Beifall findet, o Hugo Bergmann!) in der, in einer durchaus zusammenhängenden Deduktion gleichwertiger Unheimlichkeiten stehend, als das Bedeutendste, was man über die religiöse Hymne, als den brennendenZentralpunkt dieses ganzenBuches, zu sagen weiß, der folgende Satz ohne weiter aufzufallen möglich ist: „Die mächtigsten Gotteshymnen sind eine Befreiung von Gott, diesem stärksten, umfassendsten aller Erlebnisse". Wenn die erlösende Macht der Hymne, welche ihr wesentlich akzidentiell zukommt, ohne freilich ihr Wesen zu konstituieren, in einer so schrecklich pervertierten Weise (Deuteronomium 32,20!) aus- *) Man sehe z. B. auf Seite 22, zu welch unfruchtbarem Herumreden bei der Einteilung der Gebete eine nicht ausgehaltene Antithesen-Terminologie führt, der eben die geistigen Tatsachen einfach nicht entsprechen und die sie darum in gewundenen Sätzen eliminieren muß; Stellen, in denen man mit „vorwiegendem Charakter" und dergleichen schönen aber ausgedachten Dingen operieren muß, pflegen „vermummte" Bankrotterklärungen der eigenenTerminologie zu sein und sonst nicht viel. Solcher verräterischer Klingklangstellen kann Wiener gerade in dem ersten Essay, das im Grunde die tiefere metaphysische Rechtfertigung seiner späteren Uebersetzerwillkür zu versuchen scheint, fast auf keiner Seite entraten, und seine Einsichten, die er wohl hat, fallen stets aus seiner Terminologie heraus.