Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 58 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Umschau: Literaturgeschichte Die erotische Symbolik des Hohen Liedes etwa, die auch in dieser Anthologie eine ziemliche Rolle spielt und von Wiener auch in der Einleitung (S. 45 ff.) besprochen wird, ist durchaus nicht spezifisch kabbalistisch und brauchte auch nicht erst aus allen Ländern und Religionen entlehnt zu werden, da sie im Midrasch und der vorkabbalistischen Hymnik ja schon eine genügend bedeutende Rolle spielt. Wollte man — und Wieners Buch könnte* ohne es zu beabsichtigen, dazu verführen — die Symbolik des Hohen Liedes als ausreichend ansehen, um eine Dichtung als mystisch und kabbalistisch zu statuieren, könnte man mit gleichem Recht und Gewissen den größten Teil unserer religiösen Hymnik so nennen. Was aber sind die Kriterien, nach denen entscheidbar wäre, wann diese Symbolik mystisch tendiert? Konnten die Gedichte Lansano's (S. 85—87) wirklich nur von einem Mystiker und nicht von irgend einem „offiziellen" exoterischen Paitan geschrieben werden? Wiener gibt dem Leser keine Klarheit, über der „Einheit in der Totalität" vergißt er die Grenzen, die die Aeußerungen der Gottesliebe bezeichnen, er deutet nur im Vorbeigehen an, daß er den „stark sinnlich - erotischen Einschlag" für charakteristisch hält, worunter wohl eine besonders drastische und dem Einzelnen zulich darauf hinzuweisen, wie es jetzt nur bei wenigen der Fall ist, welche Stücke nicht kabbalistisch sind. Denn ob die Autoren sonst kabbalistisch gedichtet haben, besagt ja für das jeweilige Stück nichts. Von Menachem Lonsano etwa sind nur sehr wenige echt kabbalistische Dichtungen, darunter das berühmte Schiw'cha de matronita, der „Preis der Schechina", uns überliefert, die einen Platz sehr verdient hätten; von Mose Chajim Luzzatto — den Wiener nicht so leichtsinnig, anderen Leichtsinnigen folgend, als „Kabbalisten von der Richtung Sabbatai Z'wis" bezeichnet hätte, wenn er dessen kabbalistische Werke und besonderes das (Königsberg 1862 veröffentlichte) antisabbatianische Pamphlet mi rwyn nun* 'n n*up gesehen hätte - sind meines bescheidenen Wissens überhaupt keine kabbalistischen, sondern nur exoterische Dichtungen bekannt, und daß ein, nur sehr teilweise schön übersetztes, Fragment aus den berühmten und bedeutenden „Vier Bechern" des Salomo Pappenheim, in die sich schließlich am Ende die kabbalistische Lyrik zur Verblüffung der Philosophen scheinbar ergießt, kurz und kühn hier aufgenommen worden ist der „Schönheit dieser ijobischen Dichtung und der originellen Fassung der Nachdichtung" (namentlich Youngs) wegen, wird man nicht ohne einige Verwunderung über Wieners Gefühl für historische Geschlossenheit lesen. Bialiks Gedicht „Sohar" soll auch recht schön sein. gewandte Ausnützung der Möglichkeiten dieser Symbolik zu verstehen ist. Und daran ist etwas Wahres, denn die Mystiker begnügten sich nicht mit der allgemeinen erotischen Symbolik, sondern gingen in der unmetaphorisch lebendig werdenden Ausfüllung dieses symbolischen Rahmens bedeutend weiter, aber taten das wirklich nur sie? Vollends bedenklich und das Vertrauen lähmend ist es aber, wenn sich herausstellt, daß einige der sinnlichsten Stellen in den vorliegenden Uebersetzungen von Wiener selbst erst in den Text gebracht worden sind, wie das an einer bösen, bösen Stelle in dem ersten lur janischen Liede und an mehreren anderen der Fall ist, oder wenn er im „Zwiegespräch" das Chajim häkohen von Aleppo in einem doppeldeutigen Bibelvers dessen Variation in einem Lonsanoschen Gedicht er sehr gut und in der gleichen Nuancierung zu übersetzen weiß, eine nur anklingende erotische Nuance dick und grob als die Hauptsache übersetzt, wegen des „Bildwertes der Worte". Es wird sich zeigen, daß er für all dies freilich sogar eine Theorie hat, in der Uebersetzungsfehler oder die Inspirationen der Willkür auf eine angenehme und sich unangreifbar gebärdende Weise hinter den „Freiheiten der Nachdichtung" sich verbergen können, dem altüberlieferten Lieblingsbegriff der armen Schlucker, denen Wiener doch sonst nicht gerade zugezählt zu werden wünscht und braucht. In der Tat aber, jenseits alles Willens und aller ideologischen Verteidigung, sind das Verfahrungsweisen, die dem Leser keine Einsicht in die wirkliche Stellung des erotischen Elementes in dieser Dichtung verschaffen können, am wenigsten, wenn der Uebersetzer sich auch in der von ihm in Anspruch genommenen Sphäre des Dichterischen oft so schwächlich und was die Reinheit seines Gefühls und seiner Einfühlung anbelangt, so fragwürdig erweist, . wie es Wiener tut*). Denn das Vertrauen des Lesers noch in die Freiheiten des Uebersetzers, so unberechtigt es letzten Endes auch in jedem Falle ist, beruht schließlich auf der Ueberzeugung, daß jener die gleichsam philosophischen Grenzen der Zeiten, ihre jeweilige Stufe, ihr spezifisches Maß der Anschauung, in ihrer vollen Würde und mit der reinen Genauigkeit des geistig (hier ist nicht vom Philologischen die Rede) gewissenhaften *) Es darf hier bemerkt werden, daß die Erregung einer rhythmischen Erwartung, welche nicht eingelöst wird, vom dichterischen Standpunkt aus verwerflich ist. Und Hymnen in „freien Rhythmen" schreiben, erfordert nicht das leichteste, sondern das tiefste metrische Gefühl. Diese Betrachtung legt Wieners Klappern öfters nahe. (S. 79 „ich glaubte nun, Du wirst wohl sein mein Heil usw."!!)