Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lyrik der Kabbala?
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 57 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Literaturgeschichte 57 Hch erscheinende Schematismus und die Schwäche, ja Falschheit der „ästhetischen" Urteile der großen Forscher nicht verschwiegen werden. Wiener muß die Selbständigkeit gedankt werden, mit der er die Nachprüfung und teilweise Rehabilitierung dieser stumm verworfenen Gattung versucht hat. Wiener will eine — wohlverstanden deutsche — Anthologie aus der Lyrik der Kabbala geben. Hierunter wird man unbefangen verstehen müssen: eine Anthologie der religiösen „Lyrik", die spezifisch der kabbalistischen Bewegung eignet, in ihrem System mystischer Anschauungen und Terminologien, in ihrer Lebensordnung und Gefühlswelt wurzelt, und zur Erkenntnis der Totalität „Kabbala" viel beitragen könnte. Wiener scheint leider einen gänzlich anderen Begriff von „Lyrik der Kabbala" zu haben, wie sich zeigen wird, ja ihn noch dazu für so selbstverständlich zu halten, daß er ihn nicht einmal ausdrücklich erklärt. Es muß aber nachdrücklich der Irreführung widersprochen werden, die in diesem Titel liegt, der eine Versprechung gibt, die er nicht einlöst. In Wirklichkeit enthält nämlich dieser Band unter sechzig Stücken nur zwanzig, bei denen man von kabbalistischer Atmospäre und noch bedeutend weniger, bei denen man von eigentlich kabbalistischer Dichtung sprechen kann, und ob gerade die letztere lyrisch ist, fragt sich sehr. Das meiste sind — man staunt Über die Kühnheit der Verallgemeinerung des Begriffs Kabbala! — unkabbalistische Gedichte von auch als Kabbalisten bekannten oder berühmten Dichtern, nicht kabbalistische Gedichte und Gebete nicht kabbalistischer Dichter, nichtkabbalistische Gedichte einiger extrem antikabbalistischer Dichter (in einem Kapitel „Italien (Kabbala und Weltlichkeit)", wo dieses „und" sehr zweideutig ist!) schließlich gar — es war selbst Wiener vermutlich bei diesem Ueberschlagen der Klimax nicht recht wohl, daher er sie in einen Anhang verwies, wo sie ebensowenig hin zu gehören scheinen wie in das ganze Buch — das unkabbalistische „geistliche Lied der Karaim", . einer ganzen streng antikabbalistischen Sekte, die, wie Wiener selbst S. 153 mitteilt, „die lebendige Pracht der Kabbala schroff ablehnen". Es scheint zuerst einmal gänzlich unklar, was diese Stücke hier eigentlich sollen, die den Leser natürlich zu der Meinung bringen, dies und das sei „kabbalistisch", während es gar nichts damit zu tun hat, und die vor allem ihren berechtigten Ort ja in dem am Ende des Buches angekündigten dritten Band dieser „geistlichen Lyrik der Juden" haben sollten, so wie durch ihre Fortlassung die Möglichkeit einer viel umfassenderen Behandlung des wirklich Hierhergehöngen bestanden hätte. Das Rätsel, was die Paitanim Algiers, was ein Immanuel Franc es, der „die Kabbala mit großem Eifer bekämpfte", Ephraim Luzzatto und Samuel David Luzzatto, der der Kabbala bitterbös gesonnene Autor der „Dialogues sur la Cabbale", hier suchen löst sich schließlich verblüffend in der einfachen Wahrnehmung, daß in Wirklichkeit die uns interessierende Lyrik der Kabbala eben gar nicht das eigentliche Thema ist, das zwar im Titel verschwiegen, aber in einer Kapitelüberschrift genannt ist: „Die neuere geistliche Lyrik der Juden" nämlich, seit der Vertreibung aus Spanien. Dies, oder anders ausgedrückt, die religiöse Lyrik im Zeitalter der Vorherrschaft der Kabbala, wäre der ehrliche Titel des Buches gewesen, denn offenbar hält diese Dichtungen von 1520 bis 1820 nur das allgemeinste historische Band zusammen, daß sie eben der Epoche entstammen, in der die Kabbala als lebenformende Macht in der Inneren Geschichte des Judentums mit in erster Reihe steht. Solcher demagogischen Methode der Titelbildung muß ernstlich entgegengetreten werden, die, indem sie grund- und bedenkenlos die Kabbala mit dem Zeitalter ihrer Vorherrschaft identifiziert, umfangreiche andere Gebiete einzulassen sich ermöglicht, umsomehr, da Wiener sich nirgends expliziert und gebührend einschränkend über seinen Titel äußert. Und wozu bedurfte es solch klingenden Aufputzes, denn gewiß verdient ja die umfassendere Behandlung auf ihre Weise unseren Dank — ob kabbalistisch oder nicht kabbalistisch: es ist hier alles gleich unbekannt! — und da nun gar die in der Uebersetzung noch wirklich eindrucksvollen Stücke gerade die unmystischen, exoterlschen, sind (die Danklieder aus Algier, manches Italienische wie die bedeutenden Sonette des Elieser Chefez), freut man sich ja, sie darin zu haben, nur der Leser ist zu bedauern, der fast bei keinem der Gedichte so recht weiß, ob er es mit der spezifischen Zweideutigkeit des Esoterischen, der althergebrachten schwächlichen und manchmal auch blutvolleren Allegorie oder einem einfachen, ungehemmten lyrischen Erguß zu tun hat. Und da die, noch zu erörternde, Technik des Uebersetzers sich mit unheimlichem Erfolg bemüht, ihn aller Kriterien der Unterscheidung, die etwa in den Gedichten selber liegen, zu berauben, weiß der Leser am Schluß so wenig, was eigentlich nun Lyrik der Kabbala ist, daß er in Versuchung kommen dürfte, aus einer etwa ebenso gearteten Uebersetzung Juda Halewis oder anderer religiöser Lyriker zu schließen, daß sie Kabbalisten gewesen seien, da er sich schwer wird vorstellen können, wie eigentlich nicht-kabbalistische Lyrik aussehe, wenn er die hier gegebene für die der Kabbala halten muß *) *) Es wäre doch ein Leichtes. gewesen, in den Anmerkungen, die das biographischbibliographische Material enthalten, ausdrück-